Ich bin ein Aussteiger


Wettbewerbe zu gewinnen ist etwas Schönes. Es gibt einem das Gefühl mehr wert zu sein als andere. Ein Gefühl, ohne das es sich in einer Gesellschaft, die sich in der Garderobenschlange damit rühmt den Musiker bereits ,,gefeiert" zu haben als er noch gar keine Gitarre besaß, nur schwer leben lässt. Zu gewinnen liegt in unserer Natur. Wir waren einst das schnellste Sperma, was mich häufig auf den Gedanken bringt, dass ich das langsamere auch nicht unbedingt hätte kennenlernen müssen.

Mit acht Jahren nahm ich an einem Vorlesewettbewerb teil. Ein Halbkreis aus Stühlen blockierte die Schulbibliothek. Eine Eieruhr wurde auf fünf Minuten gestellt, in denen ich Zeit hatte mein Publikum zu verzaubern, bestehend aus meiner gelangweilten Deutschlehrerin und den selben Mobberkindern, die jede Klassenfahrt in den Schlafsaal einbrachen und Spinneneier und grünes Glibberzeug in meine Wanderschuhe legten. Ich musste mich von der Masse abheben. Der Druck war hoch. Meine Vorrednerin hatte Hexe Lily vorgelesen und konnte auf Knopfdruck ihre Stimme verstellen, inklusive vier verschiedener Dialekte.

Auf einer Familienfeier hatte ich damals den Satz ,,Die Frau könnte mir ein Kochbuch vorlesen und ich wäre begeistert" aufgeschnappt und entsprechend meines Alters wörtlich genommen. Also verlas ich mit einem mir heute völlig unbegreiflichen Selbstbewusstsein, wie man Rinderrouladen richtig rollt, endete mit ,,nicht vergessen den Faden zu entfernen, und mit Petersilie garnieren", und belegte dank meiner Kreativität den zweiten Platz.

In der neunten Klasse wurde uns geraten einen Zusatzkurs zu wählen, um auf dem harten Arbeitsmarkt zu bestehen. In "Business-Englisch" lernten wir unsere Unwissenheit über die Welt ins Englische zu übersetzen und imaginären Konzernchefs bilingual in den Hintern zu kriechen. Regelmäßig schoben wir Tische aneinander und saßen uns gegenüber wie beim Speed Dating. Wir ratterten Vorstellungsgespräche herunter wie den Psalm 23 im Konfirmanden-Unterricht, nur um in der Pause Stifte und Geodreiecke aus dem Fenster auf Gesamtschüler zu werfen. Die Stadt hatte beschlossen unser Gymnasium gegen eine Gesamtschule zu tauschen. Der Sitzstreik vorm Rathaus hatte nichts gebracht. Wir waren einer der letzten Jahrgänge. Der wahre Wettbewerb fand auf dem Schulhof statt.

An der Uni lernte ich ein Mädchen kennen, das mit einem angesehenen Stipendium, ihrem Studium und etlichen Jobs in der Medienwelt bereits im ersten Semester das Gefühl hatte, sie müsse noch mehr machen. Wenn ich sie sah trug sie Taschen für drei Übernachtungen auf der Schulter, konnte nicht lange bleiben, und wollte kurz ,,gebrieft" werden. Sie überlegte noch ein Ehrenamt zu übernehmen. Ihr neuer Freund brachte sie immer zum Orgasmus. Und während sie zum nächsten Zug rannte, saß ich mit einer frisch zugelegten Essstörung auf dem Campusrasen, sah der Sonne beim wandern über die hässlichste Universität Nordrhein-Westfalens zu und erkannte, dass die Welt sich sehr wohl weiter dreht, wenn man sich nicht rührt.

Vier abgebrochene Studiengänge später weiß ich wie man Wettbewerbe gewinnt. Man tut genau das, was man eh getan hätte. Und wundert sich, dass irgendeine Jury aus Schals und Sakkos meint, sie würde damit die Jugend fördern. Es ist eine hübsche kleine Sammlung zusammengekommen aus Geschenken von Menschen, die der Meinung sind, sie würden mich mit folgendem dazu ermuntern, ,,die gute Arbeit fortzusetzen": ein USB-Stick mit 3 Gigabyte Speichervolumen. Ein Jutebeutel mit einem Firmenlogo. Ein Blatt Papier auf dem ,,Gutschein" steht, für ein Jahresabo einer Zeitschrift, dessen Name mir entfallen ist, eingerahmt in einem dieser Aluminiumrahmen mit anbei liegenden Plastiknägeln, wie man sie von den Meisterbriefen in Autowerkstätten kennt. Eine Geräteausleihe im Wert von so viel Geld, dass ich gerade mal mit einem Objektivdeckel nach Hause gehen könnte. Und zu guter Letzt noch ein Kugelschreiber.

Ich vergleiche mich immer noch. Nichts anderes wurde mir beigebracht. Aber mittlerweile denke ich, komme ich ganz gut dabei weg. Erzähle mit Stolz, dass ich schlicht vergessen habe das Seepferdchen zu machen. Dass ich trotzdem schwimmen kann. Dass ich bei den Bundesjugendspielen immer eine Teilnehmer-Urkunde bekommen habe. Dass ich das in Ordnung finde, obwohl ich lange Beine habe. Weil wir eigentlich alle dasselbe tun. Teilnehmen. Und ich den wichtigsten Wettbewerb gewonnen habe. Den in meinem Kopf. Und jetzt ist Schluss mit Wettbewerben. Mein Name ist Sophia. Ich bin ein Aussteiger.

Kommentare