Das ist mir zu sexy





Freudig erregt knabbert sie an ihrer tiefrot glänzenden Unterlippe. Langsam schließt sie die Augen. Ihr Mund kommt immer näher. Wie in Zeitlupe verzieht er sich zu einem teuflischen Lächeln. Oh ja sie tut etwas verruchtes. Sie öffnet ihn. Sie stöhnt laut auf. Und sie beißt beherzt zu.

Ja, das ist die klassische Werbung für Erdbeermarmelade wie wir sie gewohnt sind. Eine leicht bekleidete Frau schmeißt sich auf die Couch. Öffnet das Glas Marmelade. Tunkt das Croissant sachte ein. Und beißt. Wie in Ekstase. So eine leckere Marmelade hat sie in ihrem Leben noch nicht gegessen. Und oh mein Gott, Orgasmus, ist die samtig... 

Warum Marmelade, meine artige jungfräuliche Marmelade, jetzt Opfer vom angeblich vermarktungstechnisch notwendigen Sex-Appeal geworden ist, das ist mir ein Rätsel. Wir reden ja auch nicht vom guten alten Marmeladen-Pott von Oma, mit kariertem Stofftuch und einem Gummiband um den Deckel. Nein, er musste einem Glas weichen, das viel mehr ist als nur ein Glas. Es ist ein Objekt der Begierde. Es ist ansehnlich. Es springt dich im Supermarktregal förmlich an. Es zieht dich mit seinen Augen aus und du es mit deinen. 

Denn es hat eine Taille. 

Lieblich weibliche Rundungen umfassen diese sündhaft gute Marmelade. Das Glas hat mehr Oberbau als so manche Frau sich wünschen würde. Und eine Hüfte hat es auch. 

Aber auch wenn man jetzt nicht zwingend die Objektophilie als sexuelle Orientierung in Betracht zieht, wird einem ja dennoch was geboten. Anstatt in den Werbepausen wegzuschalten, einfach mal draufbleiben und ungeniert hinsehen. Sexy Werbung ist ja kein Einzelfall mehr. Vielmehr schon ein neues Softporno-Genre. 

Frauen in schwarzer Robe mit Schlitz bis zur Nasenscheidewand sprühen sich mit der neuen "Fragrance for him and her" in einem schlecht beleuchteten Raum den Hals ganz feucht. Aber obwohl kein Licht in der Bude ist, glänzen ihre Haare. Und selbstverständlich schließt sie auch die Augen, sonst versteht der Zuschauer mit seinen Chipshänden Zuhause gar nicht, wie genussvoll diese Prozedur sein soll. 

Und wenn die Olle dann genug von dem Zeug auf ihrem Hals verteilt hat, geht sie auf Männerjagd. Denn was man eben noch gar nicht gesehen hat (war ja auch so dunkel) : sie ist auf einer Party und will sich jetzt einen Mann angeln. Sich Zuhause zu parfümieren war zeitlich nicht mehr drin. Schließlich hat man ja auch heutzutage als Frau so viel anderes zu tun - lustvoll in französische Baguette beißen oder den neuen Amorelie-Adventskalender ausprobieren. Deshalb hat die mitdenkende Frau von heute die Parfümflasche vermutlich im Strumpfband versteckt und in einem leisen Moment schleicht sie sich aus dem Geschehen und zückt ihre Waffe. 

Prompt laufen ihr auch zehn männliche Exemplare im Anzug hinterher, alle mit ganz hervorragend ausgeprägten Wangenknochen. Alle siegessicher. Aber sie nimmt natürlich den, der von der Duftmarke her zu ihr passt, ganz klar. Da wird dann auch nicht erstmal höflich guten Tag gesagt und nach der Nummer gefragt, gemeinsame Interessen abgeklärt und der Opernführer studiert. Nein, wenn man sich so gefunden hat fällt das Kleid dann doch relativ schnell. Wenn nach ein paar Wochen aus Kostengründen die verkürzte Version gesendet wird, noch ca drei Sekunden früher.  

Es gibt natürlich auch Material für andere Fantasien, zum Beispiel die lesbische Variante, in der drei schüchterne Dinger als Nymphen verkleidet zusammen im Seerosenteich des Nachbarn baden gehen.   

Liebe Werbeagenturen, für wie notgeil haltet ihr uns?





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