Lebenskünstler



Einen Tag wieder in der Uni und es ist eindeutig: alles Profis am Werk. Damit sind offensichtlich weniger die Dozenten gemeint. Ich spreche von Studenten. Alles Profis. Lebenskünstler. Alle hart am weiterentwickeln und Erfahrungen machen. Auch mal die eigenen Grenzen austesten und sich ins kalte Wasser schmeißen. Auch mal Sachen machen, die nicht vorzeigbar sind, damit man die dann vorzeigen kann. Auch mal zu den eigenen Schwächen stehen. Das macht einen doch menschlich.

Maren hat sich zu ihrem eigenen Nachteil vergangenen Mittwoch nicht mit den Grundlagen biophysikalischer Atomstrukturen beschäftigt, sondern war hauptsächlich zwischen namenhaften Drogerien unterwegs und hat das Angebot von Boulevard-Zeitschriften verglichen. Aus einem schlechten Gewissen heraus bestritt sie die restliche Zeit des Tages mit dem Kauf eines Buches und dem davor stattfindenden langwierigen Prozess, es mehrmals interessiert in der Hand zu wenden. Irgendwas mit Ästhetik und Moral im Titel, inklusive intellektuell wirkendem einfarbigen Einband. Nie angefasst. Dafür aber kam ihr der Einfall, wie sie ihr Leben in Bezug auf Ernährung maßgeblich pimpen könnte. Auf allerlei Fertiggerichte Rucola streuen, das macht's irgendwie frischer in der Optik. Und ist auch gut für's Gewissen.

Im Zug berichtet Simon einem seiner Meinung nach nicht ansatzweise mit ihm konkurrierenden Kommilitonen von seinen neuesten Erkenntnissen. Als Lehramtsstudent in den letzten Zügen wisse er worauf es in der zeitgenössischen Pädagogik ankäme. Authentizität ist da erst mal die Basis von Erfolg. Da muss er sich ganz gerührt an die Brust fassen, denn im authentisch bleiben sieht Simon seine Stärke. Telefonieren im Unterricht wäre bei ihm kein Ding, wenn es sich um einen Notfall handelt. Die Definition eines solchen Notfalls blieb zwar aus. Dafür löste er das bekannte Problem seines Gegenübers, was zu tun sei wenn die Schüler mal unaufmerksam sind. Auf den Tisch klopfen. Und schon ist Ruhe im Karton. Simon fährt sich langsam durch den Bart. Sein Kommilitone nickt anerkennend.

Zeitgleich begibt sich Jasmin wippenden Pferdeschwanzes auf den Heimweg. Ihr Vorhaben, sich für 2,30€  "Kevin allein zu Haus" im Unikino Hörsaal 3 anzusehen, ist - aufgrund ihres Rausschmisses wegen undichter Thermoskanne und dem Verschütten eines halben Liters Tee von der Sorte "Aromatische Seelenruhe" auf der Picknickdecke ihres Nachbarn - vorschnell gescheitert.




Gefällt dir der Artikel? Dann teile ihn doch!

Kommentare