O du fröhliches Fresskoma



Die Uni hat geschlossen. Die Busse fahren nicht. Die Handys sind aus. Die Fluchtwege versperrt. Im Fernsehen tackert ein amerikanischer Familienvater Lichterketten an sein Hausdach. Es ist Weihnachten.

Oder besser gesagt es war Weihnachten, aber bisher macht die Welt keine Anstalten das zu ändern. Man verhält sich immer noch, als wenn die Familie einen daran hindern würde sich zu bewegen, obwohl längst jedermann abgereist ist. Das Geschirr stapelt sich bis unter die Dunstabzugshaube, das übrig gebliebene Kilo Rotkohl fließt schon aus den Ohren aber man isst es trotzdem, direkt aus der Tupperdose.

Man trägt die neuen kerzenwachsbeschmierten Klamotten von unterm Baum, weil die als einzige gebügelt sind, Unterhosen kann man wenden. An seinem weihnachtlichen Essverhalten muss man bis Neujahr auch nichts ändern. Die Website vom Fitnessstudio, für das man sich anmelden will, um die ersten 6 Wochen des Jahres seine Winterdepression zu verschlimmern, ist auch schon in der Lesezeichenleiste gespeichert. Zumindest gedanklich. Wichtig ist bloß, sich noch schnell genug zur Fernbedienung rollen zu können, bevor auf der DVD der Lieblingsserie nach einer Folge die Credits in allen erdenklichen Sprachen von Japanisch bis Quechua angehen und man eine halbe Stunde nicht mehr aufs Menü umschalten kann.

Es ist die Zeit der angefangenen Romane bis zum dritten Kapitel, in denen bisher nur seitenlange Beschreibungen der Landschaft vorkamen – Im gleißenden Sonnenlicht stand die alte Eiche dort, bereit der jungen Vogelschar ihre knochigen Äste als Schutz zu bieten, wie sie es seit Jahrzehnten tat - und man sich noch nicht ganz sicher ist, ob das Buch überhaupt einen Protagonisten, geschweige denn eine Handlung hat, aber man es lesen muss aus Pflichtbewusstsein vor der Großtante über drei Ecken verwandt, die damit den Geschmack nur knapp verfehlt hat, und beim nächsten Besuch bestimmt Fragen stellen wird.

Dennoch war man nie so sauber. Denn es ist die Zeit des endlosen Badens und Duschens, in der man die unpersönlichen Wichtelgeschenke aus Duschgel- und Badekugelsets verschwendet, als würde morgen das Wasser abgestellt werden. Lieblich duftet es im ganzen Haus nach Flieder und Olivenkernserum, Zedernholz und Minze-Tabak und ab und zu auch einer sehr präsenten Zitrusnote, die geruchlich irgendwie an Kloreiniger erinnert.


Und während die dicke Katze sich auf dem bekleckerten Rentierpulli einrollt und man da so auf dem Sofa liegt, in der rechten Hand die Fernbedienung, in der linken eine kalte Roulade, das Weihnachts-Special vom Traumschiff guckt und sich gerade mit Anfang 20 überlegt, auch mal eine Schiffsreise zu machen, wacht man ruckartig auf und der Traum ist aus. Denn da kam doch noch die plötzliche Erkenntnis. Dass Silvester genau so werden wird, wenn man nicht ganz schnell mutig den Arm hebt aus den endlosen Meeren von Geschenkpapier und es voller Stolz der ganzen Welt zeigt: Ich habe Weihnachten ohne Folgeschäden überlebt.




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