Wie es wirklich ist eine Frau zu sein

Dass der Tampon nicht in meine Nase passte, war so nicht geplant. Dass ich lachen musste auch nicht. 
Der Rest ist aber voll beabsichtigt. Foto: Kim Lengfeld


Ich persönlich liebe es ja, wenn ich auf meine Geschlechtsteile reduziert werde. Da hab ich direkt Lust Kinder zu kriegen. Oder rauszugehen. Aber es stimmt ja auch alles, was gesagt wird. Entweder habe ich gerade meine Tage oder ich kriege sie noch. Dazwischen passiert nichts in meinem Leben. Außer, dass ich andauernd Schokolade esse, sabbelsüßen Erdbeersekt trinke und mir die Nägel rot lackiere. Wenn ich baden gehe zünde ich immer Kerzen an, vergesse sie ständig auszupusten, und werde im Bademantel von einem Feuerwehrmann aus dem brennenden Haus getragen. Mehr mache ich ja nicht. Und andere Frauen auch nicht. Das weiß ich aus sicherer Quelle. Meine Gebärmutter macht immer Loopings, meine Eierstöcke binden sich zu einer Schleife, meine roten Lippen formen sich entzückt zum Kussmund, wenn ich Frauenzeitschriften lese. Schön, wenn Frauen dieses Bild von sich selber produzieren, indem sie "weibliche" Zitate an eine Zeitschrift schicken, und sich freiwillig als Onlineshopping-süchtige, alkoholabhängige, arbeitsfaule, notgeile und von Männern unverstandene Kreaturen darstellen. Kleines Beispiel: "Wenn der Zahnarzt der erste Mann seit Langem ist, der einen auf Anhieb versteht: Er meinte, ich bräuchte dringend eine Krone." 
Aber was wäre das Leben schon ohne Aufreger? Ach ja, schön.

Ich war bisher keine engagierte Feministin. Wenn ich an Feministen denke, sehe ich immer Putin vor meinen Augen, der sich über die nackten Brüste der Aktivistinnen mehr freut, als dass er über die Beweggründe nachdenkt, warum sie ihm die zeigen. Auch bin ich dagegen, bei jeder Gelegenheit raushängen lassen zu müssen, dass ich eine Frau bin. Sprüche wie "Also ich als Frau kann dazu nur sagen..." benutze ich nicht. Bewusst nicht. Denn dass ich eine Frau bin, sieht hoffentlich jeder. Und dass ich als Frau zu einem Thema meine Meinung kundgebe, ist für mich klar. Ich schalte ja auch nicht mein X-Chromosom aus, wenn ich über Baumärkte rede oder das aktuelle DMAX Programm. Dieses Beispiel habe ich ganz bewusst gewählt, weil das ein Sender ist, den wirklich nur Männer gucken. Keine Frau guckt sich Goldgräber in Nordamerika an, oder LKW-Fahrer, die mit einer tonnenschweren Ladung über gefrorene Seen in Alaska fahren. Oder diese Sendung, wo drei Engländer Autos testen und Rennen quer durch Großbritannien fahren, ständig liegen bleiben und sich gegenseitig aus Schlammlachen ziehen müssen. Nie gesehen. Weiß gar nicht wovon hier die Rede ist. 

Aber dass ich jetzt beim Frauenarzt nicht mehr Frau sein durfte, das war selbst mir dann suspekt. Obwohl da das Frau sein doch so offensichtlich zelebriert wird. Neben den typischen Blättchen im Wartezimmer, die über die neuesten Gemüsesuppen- und DIY Stricktrends informieren, muss noch irgendwie anders visuell verdeutlicht werden, dass diese Praxis ein Ort des weiblichen Geschlechts ist. Man beachte die fleischig rosafarbene abstrakte Kunst im Wartezimmer. Mein erster Gedanke sprang sofort zu einer Folge "Sex and the City" über, in der Charlotte von einem Künstler ihre Vagina in Übergröße malen ließ. Dann mein Folgegedanke: Gibt es so wie Polsterdesigner für öffentliche Verkehrsmittel auch Gynäkologen-Künstler für abstrakte Wartezimmerkunst?

Während ich also eintauchte in die Atmosphäre dieser östrogenen Raumgestaltung und am Empfang mein Anliegen vorbrachte, dass ich wegen Regelschmerzen ein Attest benötige, musterte mich die Sprechstundenhilfe im lachsrosa Kittel mit Dreiviertel-Ärmeln mit einem mürrischen Blick und fragte nach meinem Geburtsdatum. Mit den Computersystemen in Arztpraxen kenne ich mich nicht wirklich aus, aber wie man automatisch nach seinem Geburtsdatum gefragt wird wie nach einer Seriennummer, anstatt nach dem Namen, ist irritierend. Das Ergebnis ihrer Recherche war, dass ich keinen Termin hatte. Das hätte ich ihr auch vorher sagen können. Ich hatte ja auch nicht ein Jahr im Voraus geplant unpässlich zu sein. Denn das ist gefühlt der Zeitraum, in dem man auf einen Termin wartet.

       "Ich weiß, ich brauche das Attest trotzdem."
"Das geht aber nicht ohne Arzt."
       "Ok."
"Sie haben keinen Termin."

Das nächste Mal werde ich versuchen, passend zu meinem Termin krank zu werden. "Ich weiß."

Mit skeptischem Blick fragte sie mich also mehrmals nach meinen Beschwerden. Sind die wirklich so schlimm gewesen? Wann genau waren die? Wie lange? Haben Sie auch wirklich ganz doll gelitten und sich vor Schmerzen gekrümmt, so dass sie nicht mal mehr stehen konnten? Hatten Sie auch Durchfall? Regelschmerzen sind nämlich nur schlimm genug, wenn man davon Durchfall bekommt. Wollten Sie keine Frau mehr sein und haben alle Männer in ihrem Umkreis verflucht? Hatten Sie Penisneid und fühlten sich von Gott bestraft, weil Sie eine Nachkommin Evas sind und den Apfel der Sünde gegessen haben? Dann sah sie mich lange nichtsagend an. Ich fragte mich, an welchen Kriterien meines Gesichts sie wohl festmachte, ob ich eine potentielle Simulantin war.

"Dann nehmen Sie im Wartezimmer Platz."

Vielleicht erwarte ich zu viel. Aber misstraut dir selbst die weibliche Sprechstundenhilfe deiner Gynäkologin, ob deine Frauenprobleme denn schlimm genug waren, dann läuft etwas falsch in dieser Gesellschaft. Dicke runde Babybäuche werden freudig lächelnd durch gewunken. Kommt eine junge Mutter sogar mit dem erst frisch rausgepressten Etwas zur Nachuntersuchung, wird sie klatschend empfangen und mit Konfetti beworfen. Ja wie heißt er denn, ja wie schwer isser denn, macht er schon Kaka?!

Mein Uterus wird nie so gefeiert. Vielleicht zickt er deshalb rum. Aber wie die Frauenzeitschriften mir sagen: "Champagne all day und lächeln, du kannst sie nicht alle töten." Tschüsschen mit Küsschen. 



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