Samstags bei IKEA // Ist das unser Kind das schreit?



Sie wollen Spannung? Spiel? Strategie? Sie wollen sich beweisen? Sie fühlen sich dazu in der Lage an einem Samstag das hauseigene Sofa zu verlassen und es einzutauschen gegen etwas namens Fisba oder Schrönt? Dann spielen Sie IKEA!

Die Regeln sind simpel. Zuerst wählen Sie im Mehrspielermodus eine Spielfigur und ihre Beweggründe. Folgende Auswahl: Die Frau will, dass ihr der Mann was an die Wand schraubt. Der Mann will im Besucherrestaurant eine Portion Köttbullar mit Kartoffelpüree. Und beide gemeinsam wollen den kleinen Jan-Niklas für zwei Stunden im Bällebad loswerden. Und los geht’s!

Bereits im ersten Level stellen sich dem Spieler tückische Fallen in der Anreise. Ordnen Sie sich schon an der Ampel richtig ein um Zugang zum Parkhaus zu erhalten oder ziehen Sie die Niete und landen im angrenzenden Gartencenter. Ist das Parkhaus erst einmal erreicht, bietet sich die Gelegenheit für ein spannendes Match um den letzten Parkplatz in Aufzugnähe. Geben Sie sich agressiven Blick- und Handfuchtelduellen hin - inklusive dem freudigem Wiedersehen mit denselben Leuten vor der sich langsam drehenden Eingansgtür. Sie dreht sich und dreht sich. Ganz langsam. Schritt für Schritt wird es wärmer. Es wird gelb. Und blau. Es riecht nach Birkenholz und Röstzwiebeln. Es riecht nach Ikea. Jemand tritt Ihnen in die Hacken. Schauen Sie sich gut um: Bei gleichem Lauftempo ist es nicht gerade unwahrscheinlich, dass Sie genau mit diesen Menschen die nächsten aufregenden paar Stunden verbringen werden.

Caffè? Solo con IKEA-Family Mitglieder.

Folgen Sie den Pfeilen und tasten Sie sich vom Level „Lampen und Leuchten“ bis hin zu Level „Betten“ schrittweise vor. Aber Vorsicht! Plötzlich mit einem fremden Menschen Probezuliegen wirft Sie um ein Level zurück – es sei denn Sie sagen ganz schnell vier Mal hintereinander das Wort „Rückzugsort“.

Vorgekämpft bis zu den Sesseln? Sehr gut, nehmen Sie Platz. Und stehen Sie erst wieder auf, wenn Sie 7 schwangere Frauen gezählt haben. Geht auch ganz schnell. Allerdings wartet dort schon die nächste List auf den Spieler: interessierte Sesselkunden bahnen sich mit zittrigen Händen ihren Weg zu Ihnen, wollen auf dem Etikett Ihrer Sitzgelegenheit die Regalnummer begutachten und Ihnen dabei dezent mit der Hand am Hinterteil entlangstreifen. Wehren Sie die Gegner ab mit einem dreifachen „Stauraum! Stauraum! Stauraum!“

Bei den Regalen angekommen? Hier lauert die schwierigste aller Aufgaben: der Streit über das räumliche Denkvermögen einer Frau und ob da noch was hinpasst in die Ecke. Werden Sie nicht weich, sondern argumentieren Sie mit den eigenen Waffen für Ihren Standpunkt – der Mann mit Zahlen und cm-Angaben, die Frau mit Eindrücken und Vorstellungen. Finden Sie gemeinsam einen Kompromiss um das nächste Level gemeinsam bestreiten zu können, denn der kleine Jan-Niklas möchte aus dem Bällebad abgeholt werden. Tempo, die Zeit rennt! Werfen Sie vereinten Kräftes ungewollte Kuscheltiere aus dem gelben Einkaufsbeutel bis Ihr nichtsahnendes Kind vom Rutschen zurückgekehrt ist.

Alle 30 Sekunden verliert ein Mann seine Frau in der Kerzenabteilung

Aber Männer aufgepasst – lassen Sie sich nicht von den zwei alleinstehenden Freundinnen in ein Gespräch verwickeln, ob man das auch ohne Mann angedübelt bekommt. Finden Sie Ihre Frau wieder und rennen Sie! So riskieren Sie nicht in Erklärungsnot gegenüber Ihrem Kind zu gelangen, warum eine Gruppe junger Studenten lauthals über ein bestimmtes Vasendesign lacht.



Vorbei an dem Ökopärchen, das nur einen menschengroßen Kaktus unter'm Arm hat und darüber disskutiert, ob man reinen Gewissens die Expresskasse benutzen dürfe, weil sonst zu viele Arbeitsplätze gefährdet seien.

Da sind Sie nun im letzten Level – dem SB-Möbellager. Hier stellt sich nun die finale Frage: Sind Sie trotz aller Ablenkung konzentriert geblieben? Haben Sie einen kühlen Kopf bewahrt? Haben Sie sich die richtige Regalnummer aufgeschrieben? Nein das haben Sie nicht. Sie haben versagt. Gehen Sie nicht ins Gefängnis. Gehen sie nicht über „Los“. Ziehen Sie nicht 1000 Mark ein. Sondern Sie fangen wieder von vorne an. Ganz von vorne. Und ertragen die Schande, gegen den Strom laufen zu müssen wie ein Versager. Bis zuletzt nur noch eine Durchsage ganz Ikea erhellt: „Martin Schneider, Sie sollen zum Auto kommen. Ihre Frau wartet dort auf Sie.“

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