Was bin ich schon, so ohne Mann?



Sie trägt einen rosafarbenen Pyjama über einem Liebestöter aus weißer Baumwolle und löffelt haufenweise Eiscreme direkt aus dem Becher. Dabei sitzt sie im Schneidersitz vor dem Fernseher und schmachtet Clark Gable in „Vom Winde verweht“ an. Ihre Haare sind ein einziger Heuhaufen und ihr trauriges Tagebuch liegt zerrissen da, zerstreut in einer Wohnung, in der das Blumenmuster der Vorhänge nicht zu dem ihrer Tapete passt. Sie sitzt nicht auf einer Couch, sondern heulend auf dem Fußboden davor. Und ihre Augenringe sind zwei schwarze Löcher purer Einsamkeit. Abwechselnd schaufelt sie Eis in ihren traurig verzerrten Mund und schnieft in ein triefendes Taschentuch. „Auf nach Tara!“, ruft Scarlett O'Hara. Und so denkt sich die heulende Frau in dem Liebestöter: Ja, auf nach Tara. Dort ist das Leben lebenswert. In Tara ist sie vielleicht etwas wert.
Denn sie führt ein trauriges Leben.

Sie ist die Single-Frau aus Film und Fernsehen.

Jeden Morgen steht sie schmollend mit Lockenwicklern vorm Kleiderschrank und schmeißt hektisch Bügel für Bügel über die Schulter. Zu eng. Zu billig. Zu ommig. Nichts anzuziehen. Zumindest nicht seit ihrem dreißigsten Geburtstag, an dem sie erkannt hat, dass kein Mann der Welt sie in diesem Alter noch anziehend finden kann. Da hängt es, das Kleid in dem sie am Jahrestag von ihrem Ex für seine aufreizende Sekretärin verlassen wurde. Sie seufzt resigniert. Ihr Kater schnurrt vielsagend. Das einzig männliche Exemplar, das ihr noch geblieben ist. Es ist schön, jemanden zu haben, der dich nach einem deprimierenden Tag liebevoll begrüßt. Ein kalter Schauer läuft ihr über den Rücken. Zu präsent die Angst, dass sie eines Tages wie Miranda Hobbes in einem Lehnsessel sitzend an ihren Cornflakes erstickt und der Kater ihr ein Ohr abbeißt.

All ihre Beziehungen waren ein Desaster. Immer wurde sie von den Männern enttäuscht. Immer dachte sie, er wäre endlich der Eine. Der Mann, der sie aus ihrem leidvollen Single-Leben befreit, in dem sie so tun muss, als wären diese oberflächliche Frau mit Baby Spice's Zöpfchenfrisur und der Klischee-Schwule in Wollpullover, der sie immer „Süße“ nennt, ihre Freunde. Auch der eintönige Bürojob ist ihr kein Ausgleich. Wer nimmt sich schon einem talentlosen, tolpatschigem Aschenputtel an und bringt es groß raus? Ihr Chef ist ein Chauvinist, wie er im Buche steht, und dem die langbeinigen Kolleginnen reihenweise ins Netz gehen.

Immerhin hat sie noch ihre Eltern. Wenn damit die hysterische Vorstadtfrau und der konservative Anwalt aus Harvard gemeint sind, die sich bei jedem ihrer Besuche nach einem möglichen Schwiegersohn erkunden. Jedes von ihren arrangierte Date stellt sich als das Vorzeigebeispiel für Snobismus heraus. Und jeder dieser Männer führt sie aus in ein schickes italienisches Restaurant und fragt zuallererst nach ihrem Alter. Leise weint sie die beinahe unfruchtbare 43 in ihr Rotweinglas. Wenigstens ist sie jetzt nicht mehr gezwungen, in der luftabschneidenden Shapewear zu versuchen, die Beine zu überschlagen. Wieder ein Abend, der ihren Schokoladenkonsum steigern würde.

Im strömenden Regen läuft sie nass bis auf die Knochen in ihrem mittlerweile durchsichtigen Kleid auf die Straße. „Taxi! Taxi!“, will sie rufen, doch kein Ton kommt aus ihr heraus. Ihre Shapewear leuchtet bis auf die andere Straßenseite. Wassertropfen laufen über das Gesicht. Was für ein Scheißtag. Vielleicht sollte sie auswandern und ein kleines Café in der Normandie eröffnen. Vielleicht sollte sie sich bei Apple um einen Job bewerben und ihre Eizellen einfrieren lassen. Vielleicht brauchen die im Kloster noch jemanden der... Da hupt ein roter Bus und fährt sie platt. Das nächste Bild ist ihr einsamer Grabstein. Hier liegt die Single-Frau. Sie hinterlässt eine Sammlung Motivdruck-Schlafanzüge und einen Kater.


Das Bild wird schwarz. Der Abspann läuft. Komisch. Für einen kurzen Moment hab ich's geglaubt.


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