Ich bin nicht prüde, ich bin Vintage



Seit dem Tag, an dem ich das Laufen gelernt habe, gehe ich auf Flohmärkte. Ich wüsste nichts, was meine Kindheit so sehr geprägt hat wie Samstage mit meinen Eltern in den hintersten Ecken eines Supermarktparkplatzes zu stehen, bei jedem erdenklichen Wetter in Umzugskisten zu kramen, auf der Suche nach etwas Wertvollem oder Besonderem. Nach alten Bilderrahmen und Schallplatten, Metallschachteln, Radierungen, Möbelstücken, Porzellan und zu guter Letzt alten Lederschultaschen, von denen ich mittlerweile eine Anzahl im annähernd dreistelligen Bereich besitze und für die mir ein Kaufverbot auferlegt wurde.

Als ich 8 Jahre alt war und wir in den Sommerferien ans Meer fahren wollten, hatte unser Auto eine Panne. Der ADAC zog es auf einen dieser großen Abschleppwagen und fuhr mit meinen Eltern in der Fahrerkabine zur nächstgelegenen Werkstatt. Mit noch viel zu großen Kopfhörern saß ich geistesabwesend auf dem Rücksitz unseres kaputten Autos, sah auf einem Laptop zu, wie Julie Andrews und Dick van Dyke in einem Bild aus Straßenkreide einen langsamen Walzer tanzten, Mrs Banks euphorisch für die Sufragetten sang und sich im alten London der Wind drehte, und bekam nichts mit von dem, was um mich passierte. Als das Auto schließlich hielt, irgendwo 300 km vor der Ostsee, war meine Frage: „Sind wir schon da?“

Als ich in der sechsten Klasse war, ist meine Schulklasse zusammen in die Einöde gefahren und hat die Freiheit genossen. Die Nächte wurde nicht geschlafen, man ernährte sich von 5 Minuten-Terrine und Gummibärchen und die Zeit vertrieb man sich mit Flaschendrehen und jeder Menge Heulerei. Die Mädchen schminkten sich zum ersten Mal und standen nackt im Gemeinschaftswaschraum und die Jungen standen heimlich an der Tür und guckten zu. Und während sich nachts im Nebenzimmer die Flasche drehte und auf den Falschen zeigte, lag ich im unteren Teil eines Stockbettes unter der Decke und las, wie Elizabeth Bennet den Antrag von Mr. Collins nicht annehmen könne, weil sie nur einen Mann heiraten würde, den sie auch wirklich liebt.

Als vor sechs Jahren die erste Folge Downton Abbey im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, wusste ich, es war endgültig um mich geschehen. Ich war in der falschen Zeit geboren worden. Dieses Kostümdrama war echter und lebensnaher als jede Keira Knightley jemals spielen könnte. Die ganzen hübschen Kragen, Spitzenblusen und Anzüge waren zum ersten Mal gefüllt von mehr als nur Melancholie und bedeutungsschweren Dialogen. Da standen richtige Personen in ihnen, mit denen man lachen und weinen konnte. Und ich glaube ich bin erst mit der bezaubernden Arroganz Lady Mary Crawley's wirklich selbstbewusst geworden.

Und als uns schließlich dieses alte Haus anvertraut wurde, begriff ich umso mehr die Bedeutung der Vergangenheit. Jede Veränderung bedeutet, einen Teil von damals unwiderruflich auszulöschen. Bei jedem historischen Haus und jedem alten Baum, der dem nächsten Shoppingcenter weichen muss, blutet mein Herz.

Ich bin nicht gegen Fortschritt, ich bin gegen Bedenkenlosigkeit. Ich bin gegen die Ansicht, nur neu kann gut sein. Ich bin gegen höher schneller weiter. Ich bin dagegen, dass später nur noch Mahnmale und das Colosseum unsere Geschichte zeigen sollen. Ich bin dagegen, dass unser Auge und unser Empfinden immer schlichter werden. Und deshalb horte ich wahrscheinlich auch alles Alte, das ich in die Finger kriege.

Vintage ist kein Einrichtungsstil, sondern ein Lebensstil. Benehmen. Zauber. Ästhetik. Genügsamkeit.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Du sprichst mir aus der Seele. Vor allem Dein zweitletzer Abschnitt, der trifft genau meine Ansicht.
Sophia hat gesagt…
Dankeschön! Schön zu wissen, dass man mit dieser Meinung nicht alleine ist.
Anonym hat gesagt…
Weiter so. Es kann noch besser werden! Grüsse von den bayerischen PBlern.