Mein Handy und ich, wir heiraten im Juni



Fenster poppen auf. Jemand will, dass ich mich für seinen Newsletter registriere. Er möchte mich ständig auf dem Laufenden halten. Er möchte, dass ich immer die Erste bin, die alles weiß. Ein anderer meint, mein Computer sei von einem Virus befallen worden und bräuchte dringend eine Infusion. Es ist günstiger wenn ich sie noch heute kaufe. Mir verbleiben noch 59 Minuten und 23 Sekunden. Ich erhalte eine Mail. Ein vertrauenswürdiger und erfahrener Unternehmer bietet mir einen seriösen Kredit an und auch noch viel mehr wenn ich will, seit ich letzte Woche in einem schwachen Moment voller Selbstzweifel über meine berufliche Zukunft auf „Am Gewinnspiel teilnehmen“ geklickt habe.

Eine dünne Frauenstimme spricht zu mir. Sie klingt aufgeregt. Sie kann mir das Produkt nur wärmstens empfehlen. Es macht so geschmeidig. Das nimmt sie auch immer, schon viel früher als dass sie mit dem Produzenten einen Werbevertrag eingegangen ist, sie schwört auf ihre Follower. Warum sollte sie mich anlügen? Sie will nur mein Bestes. Sie will, dass ich mich in meinem Körper wohl fühle und stolz auf mich bin. Sie will, dass ich Hater hate. Und sie will, dass ich ihnen verzeihe. Hass ist nicht gut für die Haut. Sie will, dass ich gemobbt werde, dann will sie mir da raus helfen. Sie weiß wie, sie hatte es auch nicht immer leicht. Mit beiden Zeigefingern zeigt sie nach unten. Ich soll sie abonnieren wenn ich neu hier bin. Ich soll Mitglied der body positivity community werden. Wir sind wie eine Familie.

Eine Nachricht. Jemand mag mein Bild. Ich schaue ihn mir an. Er ist verheiratet und schickt mir seinen Standort. Laschkar Gah, Afghanistan. Ich google Laschkar Gah. Trivago will mir das beste Hotel zum besten Preis nennen. Ich schließe den Tab und öffne einen alten. Trivago sagt, das ist die letzte Minute um Laschkar Gah zu buchen. Mein Handy blinkt. Hallo lange nichts gehört. Was macht das Studium. Und sonst so. Hallo. Ich seh doch du bist online. Hallo. Dann nicht.

Ich stehe auf. Mir brummt der Schädel. Langsam gehe ich den Flur hinunter. Eine gesichtslose Gestalt rempelt mich an. Seine Schulter reißt mich um. Er schaut nicht hoch, er schaut nach unten. Er tippt. Seine gekrümmten Daumen bewegen sich in Lichtgeschwindigkeit. Dann knackt es und sie brechen. Ich gehe weiter. Eine Frau sitzt auf dem Boden, auf dem Schoß ein Laptop. Lange Fäden kommen aus der Decke und ziehen ihren dünnen Arm mit dem gespreizten Finger im Sekundentakt auf und ab. Aktualisieren. Aktualisieren.

Zwei Frauen gehen schnatternd an mir vorbei zur Toilette. Mechanisch rufen sie mir „Mahlzeit!“ zu. Dann schnattern sie weiter. Die rechte sagt, sie interessiere sich sowieso nicht dafür, was andere denken. Sie habe ihren eigenen Willen. Die linke sagt sie auch nicht, aber es sei schon interessant. Die rechte schüttelt den Kopf und zieht sich die Lippen nach mit dem Produkt, welches anderen Kunden nach ihrem Kauf auch noch gefallen hatte. Sie mache nur was sie will.

Ich fahre heim. Ein gut gelaunter Mann im Radio sagt mir, dass überall Stau ist wo ich nicht bin. Und dass es 30 Minuten und 51 Sekunden länger dauern würde. Dann spielt er Avicii. Aber erst nachdem er Robin Schulz gespielt hat. Nachdem er i.will.puke gespielt hat, feat. Schlampe. Neu ganz neu. Neu bei uns. Zuhause mache ich das Fernsehen an um mich zu betäuben. Ein Mann blutet den Teppich voll. Die Nachbarin sagt sie hatte keine intime Beziehung mit dem Opfer. Hatte sie aber letztendlich doch. Die Beamten vom LKA waren so clever und sind ihre Anruflisten durchgegangen. Seine Nummer war jede zweite. Daraufhin sagt sie er hätt's verdient.

Ich schalte aus und gehe raus. Tief in den Wald in die klare Luft, bis ich vor einem Baum stehenbleibe und ihn einfach nur angucke. Und langsam wird’s besser.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Wie wahr...
Anonym hat gesagt…
Ich sehe dich und sehe blonde Haare und zarte Haut. Wie weiße Schokolade. Süß und lieblich.
Ich lese dich und falle hin vor lauter Tiefgang. Damit habe ich nicht gerechnet, da stolpert es sich leicht.
Dankeschön!