Das war irgendwie das beste Konzert überhaupt


Die meisten Konzerte sind enttäuschend. Die Musik schon ewig rauf und runter gehört, steht man in der schwitzenden Masse und wartet auf ein Lied, das man gut mitsingen kann. Irgendwer redet immer zu laut hinter dir. Leute halten ihr Bier hoch und quetschen sich zur Bühne durch. Irgendwo zerbricht eine Flasche. Das Mädchen vor dir schmeißt dir ständig ihre Haare ins Gesicht. Du würdest gerne tanzen aber hast keinen Platz dich zu bewegen. Der Sänger kann in Wirklichkeit gar nicht singen und man freut sich, dass der Sound so schlecht abgestimmt ist, dass er vom Schlagzeug übertönt wird. Die Lichteffekte sind zu krass für das monotone Lied. Und der Typ, der eben noch mit dem Bier zur Bühne wollte, kommt mitten im Song zurück um sich das nächste zu holen.

Als Giant Rooks – eine junge Indie Pop Band aus Hamm – im Bielefelder Forum gespielt haben, ist nichts davon passiert. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Bis das Konzert anfing, wusste ich nicht einmal, wer da spielte. Das Gute daran, spontan auf Konzerte zu gehen ist, dass man keine Erwartungen hat. Damit dich die Realität umhauen kann.

Indie Pop reicht nicht als Beschreibung. Eigentlich sagt dieser Begriff gar nichts aus. Läuft ein Lied von Giant Rooks dann fühlt man sich lebendig. Man fühlt sich, als würde man in Zeitlupe durch einen nebligen Wald rennen, als würde man sich auf einem weiten Feld in Herbstluft um die eigene Achse drehen. Als wäre man in einem Independent Film und würde in einer alten Schrottkarre ans Meer fahren, die Sonne glitzert hektisch durch die Baumkronen und man überdenkt sein altes Leben. Als würde dir plötzlich ein Licht aufgehen, was wirklich wichtig ist. Man fühlt sich melancholisch und zugleich zutiefst glücklich und voller Erinnerung. Man fühlt sich, als würde man niemals wieder in die Zivilisation zurück wollen. Man fühlt sich wie Ronja Räubertochter.

Zu jeder Sekunde nahm man es ihnen ab. Manchmal hatte man das Gefühl, die Band selbst sei versunken in einem Lied. Sänger Frederik Rabe stand im langen braunen Mantel auf der Bühne und sah aus, als wäre er gerade erst von einem eisigen Waldspaziergang wiedergekommen. Beinahe in Trance tanzte er mit seinen Händen, manchmal durchzuckte ihn ein Beat und riss ihn bis auf den Boden, bis er wieder hochflog. Unglaublich energiegeladen wechselte seine raue Stimme von laut auf leise, von hoch auf tief. Und obwohl sein Hemd bis zum Hals zugeknöpft war und seine wuscheligen Haare schon schwer nach Künstler-Image aussahen, spielten da keine Hipster. Das war irgendwie alles echt. Diese Musik brauchte keine nackte Haut und viel Hallo Bielefeld, seid ihr gut drauf. Da funktionierte alles von alleine.

Sie spielten mit uns. Wann ein Lied aufhörte war unberechenbar. Manchmal steigerte sich die Spannung bis ins Unendliche, bis die Musik wieder ausbrach. Einmal hörten sie komplett auf zu spielen und standen nur gedankenvoll auf der Bühne und schauten nach oben. In unendlichen Pausen sang Frederik Acapella. Manchmal stoppte er für Stunden. Und es war komplette Stille. Kein Gerede, kein Klirren, kein Huster. Es war voller Stille. Nur das leise Brummen der Verstärker war zu hören. Jeder stand versunken da, dachte nach, wartete. Fühlte, was Musik mit einem macht, wenn sie echt ist.

Irgendwie war es ein Gefühl von Solidarität in dieser kleinen Menschenmenge. Als würde man sich schweigend einig sein, dass man Zeuge von etwas Besonderem ist. Niemand musste sich selbst darstellen. Nicht auf der Bühne, nicht im Publikum. Niemand hat Helga gesucht. Niemand wollte, dass es zu Ende ist. Nach der dritten Zugabe sagte die Band „Ihr wart ein ganz besonderes Publikum für uns.“ Und zum ersten Mal habe ich das auch wirklich glauben können.


Kommentare