Neulich bei Heidi Klum im Puff


Es war gleißend hell. Um mich herum weißes Licht. Es blendete in den Augen. Ich blinzelte. Dann endlich konnte ich wieder sehen. Da waren so viele Mädchen, aufgereiht. Groß, dünn. Schritte waren zu hören. Ein dunkler Schatten zog sich durch den Raum. Ihm folgten ellenlange Beine in hautenger Lederhose. Absätze klackerten bedrohlich bei jedem Schritt. Mit weit aufgerissenen Augen und einem Lächeln wie von einem Haifisch stand die blonde Frau vor uns, in ihrer Hand eine Lederpeitsche, die sie euphorisch in der Runde schwang. Gespenstisch lachte sie und schrie uns zu „Hallo meine Lieben! Na, habt ihr Bock!?“ Die Mädchen reckten ihr Kinn in die Höhe. Ein monotoner Chor war zu hören. Ja wir haben Bock. „Seid ihr gut drauf?!“ Ja wir sind gut drauf. „Dann können wir ja loslegen!“ Ihre Stimme quietschte metallisch durch den Raum.

Ich musste anfangen. Mein Make-Up war schon fertig. Man hatte mir den Mund weggeschminkt und ihn durch eine große buschige Monobraue ersetzt. Monobrauen sind wieder in, hat Heidi gesagt. Cara Delevingne hat jetzt auch eine Monobraue, hat Heidi gesagt. Auf dem Kopf trug ich einen Vokuhila aus Taubenfedern und Moos. Das Motto des heutigen Shootings war „Waldnymphe“. Ich versuchte ruhig zu atmen, doch meine im Lederkorsett hochgeschnallten Brüste quetschten meine Lunge ein. Ich begann zu posen. Hand links, Kopf rechts. Vogue, Vogue. Heidi gähnte. Langweilig findet sie mich. Zu wenig Pfeffer. Da fehlt die Würze. 

Ich war ein hoffnungsloser Fall. Der dicke Fotograf hinter der Kamera schnarchte schon wie eine Laubsäge. Zwischen seinen Sabberfäden entflogen ihm die Worte „no attitude“ und „not sexy“. Ein nackter Mann musste her, ganz klar. Auf einem Bett auf Rädern wurde ein nackter Muskelprotz ins Studio gerollt. Seine Persönlichkeit hatte er bei seinen Klamotten Zuhause gelassen. „Und Wind!“, kreischte Heidi und schmiss mir trockene Blätter ins Gesicht. „Vergiss deinen Ausdruck nicht!“, warnte sie mich. „Das sieht jetzt gerade ein bisschen eingeschüchtert aus.“ Sie rollt mit den Augen. „Weißt du wie das jetzt aussieht? Weißt du wie du immer machst? So machst du immer.“ Sie stakste zu mir, äffte mich nach und zog eine Grimasse, während sie zappelte wie eine Marionette. Hämisch lachend ging sie wieder hinter die Kulissen. Urplötzlich begriff ich meinen Fehler, war ihr auf ewig dankbar und fühlte mich in keiner Weise kritisiert, beleidigt oder im deutschen Fernsehen bloßgestellt. "Also da muss ich jetzt schon mehr Gas geben, schließlich warst du letzte Woche noch im Shoot-out", rief Heidi mir schnatternd entgegen.

Heidi hatte Natalia aus Team Möchtegern-politically erschossen, weil sie den Penis des Malemodels nicht edgy genug angefasst hatte. Natalia hatte mit allen Mitteln versucht kantiger zu gucken, aber irgendwann begann sie zu schielen und sah zwei Penisse statt einen. Und griff immer in die Luft. Klassischer Anfängerfehler.

Ich zitterte von der kalten Windmaschine. „Ist dir kalt?“, rief Heidi verurteilend. „Da musst du jetzt aber mal die Zähne zusammenbeißen.“ Wie in einer Wellaflex Werbung schwang sie ihren Kopf nach hinten. „Können wir Honig bekommen bitte?“ Mit mitleidenden Augen goss mir jemand einen Eimer Honig über den Kopf. Ich kniff die Augen zusammen weil es brannte. „Augen auf Sophia! Du musst sexy gucken. Zeig mal mehr von deinen Schneidezähnen!“ Der nackte Typ leckte an meiner Schulter. Heidi runzelte die Stirn und zog einen Schmollmund. „Ne, das ist noch nicht Editorial genug. Da fehlt noch was. Die Bienen bitte!“ Leise bedrohlich summte es in meine Richtung. In einem wilden Bienenschwarm fand ich mich klebrig hüpfend auf einem Bett wieder. Einige Bienen klebten mir am Rücken fest. Andere hatten sich in meinen Mooshaaren verfangen und bauten ein Nest. "Jetzt mach dich doch mal locker", rief Heidi. "Haben wir Musik zum locker werden?" Die ersten Klänge eines Liedes ertönten - "Durch den Monsun" von Tokio Hotel.

„Und jetzt schrei mal ganz laut ICH WILL GERMANY'S NEXT TOPMODEL WERDEN!“ Ich schrie so laut ich konnte. „Lauter! Ich kann dich nicht hören!“ Ich schrie mir die Mandeln aus dem Hals. Eine Biene stach mir in die Wade. „Wer ist deine Modelmama?!“ HEIDI IST MEINE MODELMAMA! ICH WILL EINEN OPEL ADAM UND EINEN KNEBELVERTRAG, DER MEINE KARRIERE BEENDET BEVOR SIE BEGONNEN HAT! Hysterisch klatschte Heidi in die Hände und schrie um sich. „IT'S A WRAP! IT'S A WRAP!“

Hektisch schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Schweißgebadet und kalkweiß im Gesicht. Das Herz klopft. Der Atem geht schnell. Was für ein Albtraum. Morgen guck ich wieder Plasberg.


Kommentare

Anonym hat gesagt…
Der Artikel aus der NW spricht mir aus der Seele. Vielen Dank dafür! Nur ändern wird sich wie immer nichts. Auch dieser Text gefällt mir gut :)