Nur eine leichte Influenza



Es war einmal ein schönes Mädchen, das lebte in einer verwunschenen Welt. Ihre Bewohner waren glücklich und lebensfroh, so voller Energie und wertvollen Besitztümern. Jeder von ihnen war gesegnet mit zwei Schokoladenseiten, vollen Lippen, fülligen Haaren und Anabolika-definierten Muskeln. Denn Instagram City war ein wundersamer Ort.

Jeden Morgen stieg das Mädchen glücklich aus dem prachtvoll dekorierten Hotelbett. Samtige Kissen umrahmten ihr perfekt gelocktes Haar. Ein ausgewogenes, mit frischen Erdbeeren dekoriertes, vor „Das gönn ich mir mal“ nur so duftendes Waffelfrühstück stand bereits bereit. Die Bewohner von Instagram City haben keine eigenen Häuser. Sie leben in fremden Zimmern mit der Gegenleistung, diese namentlich zu erwähnen. Ein erholsames Leben ohne jede Verantwortung.
Mit aller Liebe zum Detail rückte das Mädchen jeden Morgen den Teller ins richtige Licht, stieg auf die parfümierte Memoryschaum-Matratze und schoss nach zwei Stunden das perfekte Bild, während es auf einem gummiartigen Leberwurstbrot kaute.

Dann ging es auf einen Spaziergang in die bunte Welt der Lebensfreude. In einem für Spätherbst viel zu kalten Spitzenkleid und einem weiten Sonnenhut, den Mops an der individuell gestalteten Leine, wandelte sie umher auf der Suche nach einer Rosenhecke oder einem modischen Graffiti. Zur Not würde die Kunstblumenabteilung eines Baumarktes herhalten müssen. Ihr Mops grunzte mechanisch. Schöne Mädchen haben immer hässliche Hunde, das macht sie so humorvoll und vergrößert den Kontrast. Doch alle 30 Minuten musste sie ihn hochnehmen und zwischen den Ohren wieder aufziehen. Sie hatte sich für dieses elektrische Exemplar entschieden, weil es nicht kackte. Hundekot in Instagram City bedeutete das Aus für die Staatsbürgerschaft. Genau wie eine erkältungsbedingte rote Nase oder zuzugeben, dass man abends gerne Jörg Pilawa schaut, anstatt im Abendlicht Rotwein ohne Lippenstiftabdruck zu trinken.

Mittags traf sich das Mädchen immer mit Bae zum Waldblattsalat mit Putenstreifen. Bae war groß, muskulös, braun gebrannt und liebte es Fotos von ihr zu machen, auf denen sie über die Schulter schaute und ihn an der Hand zu etwas Aufregendem hinzog, Hashtag adventure. Genau deswegen war Bae ein wundervoller Mensch. Er unterstütze sie in allem was sie für ihre Karriere tat. Das schöne Mädchen hatte genau drei Ziele im Leben: beruflich auf das Coachella Festival zu müssen und Geld dafür zu bekommen, sich vor einem Riesenrad die Pippi-Langstrumpf-Zöpfe zu halten, mit todernstem Gesicht in eine Kamera zu sagen, sie sei Make Up-Ton 4D, als würde sie sich öffentlich trauen ihre HIV Erkrankung zuzugeben, und ihren gekauften Followern zur Weihnachtszeit auf ganz authentische Art und Weise unter „Bezahlte Partnerschaft mit“ eine Wellington Uhr ans Herz zu legen.

Jeden Abend trainierte das schöne Mädchen ihren gelangweilten Blick. Das Kinn nach vorne, die Augen klein. Ein Influencer lacht nur für Levi's. Spieglein Spieglein an der Wand, wer ist die einflussreichste im ganzen Land? Oh du meine Bloggerin. Doch Caro Daur hinter den Bergen, vor den Panoramafenstern der Luxusapartments posiert noch viel hüftbetonter im Gegenlicht als du. Da stach sich das Mädchen an der Spindel des Vergessens und erlag dem Dornröschenschlaf. Es schneite in Instagram City. Tagelang kein Update ihres Lebens. Bis jemand von ihr wissen wollte, ob man die Schnürsenkel der neuen Adidas Deerupt tatsächlich in die Schuhe steckt. Da ward es wieder Frühling.


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