Die Angst vor Mc Drive



Mc Dreamy hat Visite. Eine Horde Weißkittler marschiert wie eine Armee von Zimmer zu Zimmer und verteilt schiefe Lächeln und Unsicherheit. Die Frau im Bett neben mir hat sich extra schick gemacht. Mit Perlenkette sitzt sie auf ihrer Bettkante und tut so, als wäre sie ein Fang. Jetzt übt sie ihr verlegenes Lächeln. Verstehe ich. Man will ja auch Eindruck hinterlassen, wenn man schon mal im Fernsehen ist. Nicht nur durch seine neuronale Auffälligkeit.

Warum ich am Set von Grey's Anatomy bin? Das ist ganz leicht zu beantworten. Das war vor circa zwei Monaten, würde ich sagen. Da hab ich bemerkt, dass ich immer so ganz schlimm Zahnschmerzen habe morgens. Gut, im Laufe des Tages gibt sich das wieder. Ich bin ja auch nicht zimperlich. Ich nehm's Leben ja wie's kommt. Auch den Regen muss man annehmen. Und deshalb hab ich jetzt ja auch so eine Knirschschiene. Aber hätt ich vorher gewusst, wie oft ich die dann noch anpassen muss, bis das Ding sich in meiner Kauleiste wie Zuhause fühlt. Naja. Ich sitz also im Wartezimmer und blätter mich so durch die locker leichten Frühlingsrezepte. Was man so alles in Pfannkuchenteig verstecken kann, ist ja erstaunlich. Und da seh ich den Aufruf. In der neuesten Ausgabe von „Martina – die taffe Frau im Spiegel der Zeit“.

Grey's Anatomy soll nämlich ein ganz starkes Quotenproblem haben, weil die Show nicht mehr real genug sei. Die Leute wollen keine Baumstämme im Bauch eines Teenagers mehr. Oder schwarze Löcher in Einkaufzonen, die Passanten verschlucken, welche sich dann gegenseitig in dreißig Metern Tiefe ihre Beine amputieren müssen. Nein, die Leute wollen Authentizität, falls sie das überhaupt aussprechen können. Echte Fälle, die das Leben schreibt. Deshalb ist Mc Dreamy auch wieder da. Deshalb sind alle im dramatischen Staffelfinale totgeschriebenen Nebendarsteller auch wieder lebendig. Und deshalb liege ich jetzt auch in einem Krankenhausbett und fahre die elektrische Rückenlehne gelangweilt rauf und runter. Weil hier jetzt echte Fälle liegen. Grey's Anatomy nimmt jetzt echte Patienten, die sich schriftlich beworben haben und testet die Spontanität der Darsteller. Denn die Visite ist jetzt ein Impro-Theater.

Ich habe schon von anderen Patienten gehört, dass sich die medizinischen Kenntnisse der Schauspieler auf ein Minimum beschränken sollen. Besonders Mc Dreamy habe sich wohl erschreckend wenig eingelesen und empfiehlt nach langem Stirnrunzeln und Durchblättern der Krankenakte immer ein CT, legt den Kopf schief, zwinkert einmal verständnisvoll und sagt „Ich werde schon noch herausfinden, was Ihnen das Leben erschwert.“ Genau so auch bei meiner Zimmergenossin. Sie fängt immer bitterlich an zu weinen, wenn im Fernsehen Zootiere in ein neues Gehege versetzt werden. Weil sie es so schrecklich findet, wie sie orientierungslos am Gehegezaun auf und ab laufen. Aber erst mal machen wir ein CT.

Dann dreht er sich zu mir. Hektisch schwankt der Kameramann in meine Richtung. Eine staksige Tonangel wackelt über meinem Kopf. Ich habe das Gefühl, Mc Dreamy mustert mich eine Ewigkeit. Mein Gott, diese Haare. Ob die wohl immer noch echt sind? Gespannt starren die glattgesichtigen Assistenzärzte über seine Schulter. Beinahe in Zeitlupe fährt er mit dem Zeigefinger ganz langsam über das Klemmbrett und gibt mit fachmännischer Stimme von sich „Hier steht, Sie haben Angst vorm Drive In?“
„Ja Herr Doktor, ganz doll.“
„Sie wissen schon, dass das hier in Amerika eigentlich Drive Thru genannt wird?“
„Sicher doch, Herr Doktor.“
Er kneift angestrengt die Augen zusammen. „Wie äußern sich Ihre Symptome?“
„Ich bekomme Schweißausbrüche und werde ganz kurzatmig. Ich bin der Ohnmacht nahe, je näher wir der Einfahrt kommen. Ich vermeide diese Situation immer so gut es geht. Ich atme sogar richtig auf, wenn ich sehe, dass da noch ein Parkplatz frei ist und ich drinnen bestellen kann.“
„Warum genau atmen Sie auf?“

Langsam atme ich ein. „Also, ich hab immer so das Problem, mich nicht verständlich genug durch technische Geräte zu artikulieren. Das kann ich einfach nicht. Das werde ich auch nie können. Ich bin da ehrlich mit mir selbst. Ich spreche einfach undeutlich. Ich habe auch bei Thalia drei verschiedene Kundenkonten, weil die am Telefon immer einen anderen Namen verstanden haben. Ich bin Sophia. Aber ich bin auch Pia. Oder Maria. Ich bin das alles. Da steh ich zu. Also ich bin jetzt nicht schizophren, das wollte ich damit jetzt nicht sagen. Ich spreche einfach nur undeutlich. Das mag im normalen Leben ja noch durchgehen. Da fragt mein Gegenüber vielleicht noch mal nach. Aber die beim Drive In, die haben ja gar keine Zeit noch mal nachzufragen. Die geben mir das, was sie verstanden haben. Vielleicht frage ich ja nur 'Bekommt man noch ein Getränk dazu?' und dann fahre ich vor und bekomme einen Grand Royal Western BBQ. Und vielleicht habe ich ja eine ganz schlimme BBQ Allergie und mein Hals schnürt sich dann zu.“

„Haben Sie denn eine BBQ Allergie?“
Ich rolle die Augen nach oben. „Nein natürlich nicht, aber...“
Ein Knacken ist zu hören. Noch einer. Dann urplötzlich bricht die Decke des Flurs auseinander und eine riesige Wasserlache ergießt sich über der Schwesternstation. Ein Stück Decke trifft die Oberschwester am Kopf und hinterlässt ein fieses Loch. Mc Dreamy eilt schon zu Hilfe.

Hinterher wurde uns gesagt, dass man sich doch für ein dramatischeres Staffelfinale entschieden hatte und ich deshalb unterbrochen wurde. Bei meiner Entlassung hinterließ Mc Dreamy mir aber noch eine Botschaft seiner Diagnose. Ich solle mal wieder so richtig ausschlafen.


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