Ist mir nicht hässlich genug



Rike und Torsten sind schon ein wenig zusammen. Torsten hat Rike vor fünf Jahren angesprochen auf dem Polterabend von seinem besten Freund Matse und ihrer besten Freundin Claudia. Rike stand aggressiv aufgeladen vor der Müllkippe und entledigte sich von Teller zu Teller ihrer Wut auf die Männerwelt. Ein Teller für Meister Proper aus dem Fitnessstudio, der sich als stolzer Besitzer zweier Rennmäuse offenbarte. Die Scherben schepperten auf den Kippenboden. Sie griff erneut zum Geschirrstapel. Ein Teller für den Typen, der meinte Cotton Eye Joe sei keine richtige Musik. Es klirrte. Und ein Teller für den Idioten, der sie zwar abgeholt, aber schon beim zweiten Treffen in Jogginghose die Tür aufgehalten hatte. Er brach in tausend Teile. Rike fand das alles ätzend. Torsten fand das sexy.

So richtig näher kamen Rike und Torsten sich auf Matses Geburtstag. Torsten war über ein Aperol Spritz gestolpert und hatte sich den Fuß verknackst. Rike stützte ihn bis zum Auto und fuhr ihn nach Hause. Seitdem war alles schön. Torsten hatte nur eine Nachbarskatze, die er manchmal am Fenster fütterte. Er ging eine Runde drehen, wenn Rike Cotton Eye Joe aufdrehen wollte. Und Torsten trug nur Jogginghose, wenn er Männerschnupfen hatte. Als sie nach drei Jahren merkten, dass Rike nur nach Hause fuhr, um sich einen sauberen BH zu holen, zog sie bei ihm ein. Es folgten Spieleabende mit Matse und Claudia, gemeinsame Campingurlaube in Holland, wo Claudia „aus einem wunderschönen Grund“ kein holländisches Dosenbier trank, und ein entzückendes Tauffoto, auf dem Torsten den kleinen Malte im Kleidchen beinahe fallen ließ und alle panisch die Arme ausstreckten, als die Kamera den Selbstauslöser betätigte. Das Glück war perfekt.

Doch schon bald hatten Rike und Torsten ein Problem. Immer wenn Rike sich zu ihm aufs Sofa gesellte, nach einem langen Tag im Büro, die Chipstüte öffnete und sich an die starke Schulter ihres Schatzes lehnte, teilte Torsten ihr mit, wie attraktiv er doch diese eine Schauspielerin da im Fernsehen fand. "Was, die?", fragte Rike. "Ja die da", antwortete Torsten. "Aber die sieht doch billig aus", schnaufte Rike. "Warum das denn", fragte Torsten. "Weil die aussieht wie ein Männerklischee!", schrie Rike. "Was ist so schlecht an Klischees?",  entgegnete Torsten. "Klischees sind so simpel", echauffierte sich Rike. "Sie sind wie Schonkost für dein Gehirn. Quasi die Salzstangen unter den Gedanken." Das hatte Torsten nicht verstanden. Aber er mochte die neue Nachrichtensprecherin aus der ARD. Rike mochte jetzt den einen Typen aus der Nationalmannschaft. Torsten darauf die aus Freundschaft Plus. Rike Elyas M'Barek.

Das Spiel zog sich eine Weile. Bis Rike auszog weil sie den Eindruck hatte, Torsten hatte etwas übrig für die Nachbarskatze. Sie trafen sich immer nachts am Fenster. Und als Claudias Schwester Melanie ihren Polterabend feierte, stand Rike resigniert vor der Müllkippe und schmiss Teller von sich. Einen für Mila Kunis. Einen für Charlize Theron. Und einen für Scarlett Johansson. Scheiß Scarlett.

Kommentare