Von der Geschichte wie ich den Sommer abgeschafft habe



Eine übereifrige Reporterin von staksiger Figur hält mir ihr Mikrofon unter die Nase und nickt mit weit aufgerissenen Augen und einem Perlweißlächeln bei jedem Wort, dass ich von mir gebe. Sie kann den Pulitzer Preis schon riechen. Sie ist eine von denen, die jeden Morgen auf die Sanduhr genau drei Minuten mit einer Mundspülung gurgeln, um aus dem Hals zu riechen wie ein Zahnarztwartezimmer. Dabei ist sie nur von taff. Wie ein Zirkuspony führe ich sie durch meine Gemeinde. Meine Zähne sind gelb verfärbt vom vielen Kaffeekonsum, und sie lachen gehässig oder blasiert – abhängig von Tageszeit und Interviewpartner. Denn ich bin jetzt Politiker.

Eine meiner ersten Amtshandlungen war dieses ständige Gendern abzuschaffen. Auf meinem Türschild im Rathaus steht nach wie vor „Bürgermeister“. Einfach weil „Das war wieder einmal eine Meisterinnenleistung!“ viel zu lang ist, um es im Chor zu rufen. Auf unseren Kontoauszügen steht nur der Name, den man von Geburt an eigentlich gerne gehabt hätte. Und die einzigen Sternchen, die hier benutzt werden, sind die, zwischen denen man seine Gefühle ausdrücken kann. Natürlich gab es auch Gegenwind. Damit muss man immer rechnen. Während meines Wahlkampfes schienen die Protestwellen kein Ende nehmen zu wollen. Eines Morgens bin ich sogar aufgewacht und die Kirschbäume meines Gartens hingen voller männlicher Schweinerippen. Ich verstand nicht direkt die Botschaft dieser Aktion, bis ich aus einiger Entfernung die Worte lesen konnte, die mir jemand in den Rasen gemäht hatte: „Das ist für alle Frauen, die nicht auf dem Papier leben dürfen.“

Doch nun bin ich schon in meiner zweiten Legislaturperiode und muss sagen, es hat sich viel getan. Die Arbeitslosenquote unseres Dorfes ist rapide gesunken, dank meines Einfalls, nicht bloß Produkte im Supermarktregal stehen zu haben, sondern unbeschäftigte Bürger einzusetzen, die die jeweilige Fernsehwerbung in Dauerschleife nachstellen. So erinnert sich der Konsument wieder – aha, da liegt ein Mann zwischen Rosenblüten und Duftkerzen auf einer Kuscheldecke und leckt meinen ganzen Einkauf schon an einem Löffel rum – ich muss noch Cremissimo Romantik Special Eis für meinen Jahrestag kaufen. Zum Beginn der WM haben wir einen Schweini-Verschnitt mit Chipstüte in ein Regal gesetzt und ihn ständig „Das ist nicht lustig“ sagen lassen. Aber funny, murmelte es zwischen Rasierklingen und Wachsstreifen. Irgendein Idiot fand sich immer. Nur den einen Typen, der immer „Halb zehn!“ schreien und in ein Knoppers beißen sollte, musste unser Filialleiter Heidi mit Kiefersperre in die nächstgelegene Notaufnahme fahren.

Was mich noch von anderen Politikern unterscheidet? Ich halte meine Wahlversprechen. Niemand wollte mir glauben, als ich meinte, ich würde den Sommer abschaffen. Eine direkte Umsetzung ließ sich mit der Realität zwar nicht vereinen, aber wir sind auf einem guten Weg. Wir lassen den Sommer langsam ausschleichen. Eiskugeln sind hier immer etwas versandet und nur im Becher erhältlich. Die tropfen nicht, und so was wie klebrige Kinderzungen gehören somit auch nicht zu unserem Stadtbild. Wer Dreiviertelhosen in Khaki tragen möchte, muss eine Sondergenehmigung im Rathaus beantragen. Pro Tag darf nur ein Bürger weiße Waden zeigen, und allein die lange Warteliste in den Anfangsmonaten hatte schon eine ausreichend abschreckende Wirkung. Des weiteren hat man hier in unserem idyllischen Dorf einen so genannten "Freifahrtschein" für bestimmte Verkehrsdelikte. Sollte sich wider Erwarten noch einmal ein penetranter Radsportler auf einer unserer zahlreichen Landstraßen verirren und den Verkehr aus sportlichen Gründen behindern, besteht die Erlaubnis diesen umzufahren. Insgesamt darf man drei, es sei denn man schreibt sich zum Wahlhelfer ein. Dann sind's vier.

Leider musste ich erst letztens die Schneekanonen beim Umweltamt abgeben, weil mein Wahlbezirk trotz vorbildlich niedriger Temperaturen einen unzulässigen Emissionswert aufwies. Seitdem gilt die Mützen – und Schalpflicht nur von September bis Mai. Die Sommerferien sind aus akustischen Gründen nach wie vor auf zwei Wochen runtergeschraubt, und Rasen gemäht werden darf nur, wenn eine ärztliche Bescheinigung wegen Mulch- oder Schotterunverträglichkeit vorliegt. Ich freue mich schon auf meine dritte Legislatur. Da werde ich die Adventszeit um vier Wochen verlängern. Muss nur noch mit der Kirche abgesprochen werden.

Kommentare

Miss Bluejay hat gesagt…
:D Großartig! Ich habe etwas gebraucht um rein zu kommen, aber das ist wirklich super geschrieben. Ich mag deinen Stil total!

Liebe Grüße, Miss Bluejay