Semesterferien sind noch schlechter für's Selbstbewusstsein als das Semester



Manche Menschen fahren in den Sommerferien nach Spanien und suchen sich ein neues Haustier am Strand. Manche legen sich auch genüsslich in einen gestreiften Liegestuhl in ihrem Garten an der A2 in den Smog, mit Schweppes auf Eis in der Linken und "Mord am Timmendorfer Strand" in der Rechten. Und dann gibt es da noch Studenten. Die teilen sich in zwei Gruppen auf: in diejenigen, die jeden Abend auf dem Balkon grillen und auf Festivals gehen, und in diejenigen, die Angst vorm Arbeitsmarkt haben.

Es war irgendein Wochentag. Manchmal verliert man da ja den Überblick. Die Uhrzeit kann ich auch nur noch rekonstruieren. Etwa zwischen der Pizza mittags und der Pizza abends, und vor Sonnenuntergang. Ich glaube jedenfalls es war noch hell. Nach Stunden des intensiven audiovisuellen Studiums von Hochzeitskleidern, dem perfekten Dark Denim Look für 500 Euro in vier Stunden und sechs Folgen "Dr Quinn - Ärztin aus Leidenschaft" (tolle Serie, wie die Waltons, nur mit Indianern und weniger Autohupe) traf ich auf eine Folge Modern Family, in der Strebertochter Alex aus lauter Lernstress an ihrem Geburtstag einen Wutausbruch bekam und sich vor der gesamten Familie Torte ins Gesicht schmierte. Als selbst ihr Therapeut zugeben musste, dass er nicht mitreden könne, da er bei seinem Abschluss damals nicht in Konkurrenz mit kleinen, intellektuellen, Geige spielenden und Informatik-begabten Asiatenkindern stand, wurde mir klar, dass es Zeit war zu duschen.

Ich entschied mich nach kurzer Online Recherche für einen Sommer VHS Kurs namens "Image pflegen für Dummies" beim ehemaligen US Army Soldaten Coach Berny, der erster Anschreier im Dschungelcamp war - die Staffel mit Rolfe und Oliver Pocher. Er empfing unsere armselige Gruppe in einem stickigen Raum, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Braun gebrannt, dicke Arme. Schirmmütze. Trillerpfeife. So wie Dwayne The Rock Johnson in Baywatch, nur ohne Lächeln. "Sit down!", schrie er uns an. Wir setzten uns. Langsam ging er durch die Reihen. "Wenn Kate Middleton sehbehinderten Waisenkindern aus Tansania ihre Augäpfel spendet, dann ist das IMAGE!", schrie er mit amerikanischem Akzent und hielt inne. Stille. Langsam ging er weiter. "Wenn Günther Jauch lächelt, obwohl seine nervige Möchtegern Fashionblogger-hat nur ihre Cousine dritten Grades mitgebracht-kommt aus Frankfurt und ist komischerweise ledig-Kandidatin bei der 200 Euro Frage den Telefonjoker braucht, dann ist das IMAGE!", schrie er einer kleinen Blondine mit Bandana und Nickelbrille ins Gesicht. Ihre Augen zuckten panisch. Er holte Luft. "Und heute werden wir euch auch eins verpassen."

Nach einer angespannten Vorstellungsrunde ("Hi, ich bin Nicole und ich studiere Ernährungswissenschaften und urbanes Pflanzen- und Freiraummanagement") bekamen wir unsere erste Aufgabe. Eine Kombination aus Sport und Geschick. Unter 30 Sekunden Zeitdruck sollten wir eine Praktikumsbewerbung vorschriftsmäßig adressieren, frankieren und ohne jeden Knick in den Briefkasten am anderen Ende eines Schlammbeckens einwerfen. Ich hatte bereits leichte Bedenken, da ich als Kind in einem meiner zahlreichen Skandinavienurlaube schon einmal den Briefkasten mit einem Mülleimer verwechselt hatte. Die haben da wirklich schöne Mülleimer.

Unter Gestöhne und Gebrüll ("Run faster loser!") erreichten mehr oder weniger noch als Umschläge erkennbare Gegenstände das Ziel, während ich mir beim Frankieren an einer Briefmarkenecke in den Finger schnitt, nach einem Pflaster fragte und mir nahegelegt wurde, den Kurs frühzeitig abzubrechen. Coach Berny und ich einigten uns schnell darauf, dass mein Image "Zuhause bleiben, den ganzen Tag Sat.1 Gold gucken und bügeln" sich eigentlich auf "den ganzen Tag Sat.1 Gold gucken" beschränkt und ich mal wieder ehrlich zu mir sein sollte. Er wünschte mir alles Gute für die berufliche Zukunft und empfahl mir einen Verhaltenstherapeuten. Das ist einer der Gründe, warum ich die alten Folgen von "Zwei bei Kallwass" in Dauerschleife gucke und schon seit gestern Mittag zerrütteten Pärchen dabei zusehe, wie sie menschengroße Würfel stapeln, auf denen Wörter wie "Wut" und "Enttäuschung" draufstehen. Aber ich mache mir Notizen. 

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