Heute feiern wir meine Faulheit


Mir wurde zugetragen, dass so ein Blogger in seinem natürlichen Habitat aussehen muss- mit Rauchfackeln, im Sprung, im Gegenlicht. Da kann man ja nur mitziehen. Foto: Kim Lengfeld

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein plötzlicher Regenguss an einem Tag voller Verpflichtungen im Außenbereich ein durchaus erleichterndes Gefühl mit sich bringen kann. Ich persönlich bin auch nicht wirklich ein Fan von dem Begriff der Ausrede. Ich spreche gerne von spontanen Alternativeingebungen. So etwas wie ein Geistesblitz. Und anstatt sich selbst für seine Wertschätzung der eigenen psychischen Balance (anderes Wort für Faulheit) zu hassen, lobe ich mich ab jetzt selbst dafür, dass ich so gut darin bin, mich vor meinen eigenen Fehlern und Irrungen im Alltag zu beschützen, die ich definitiv machen würde, wenn ich diese vier Wände verließe. Nichts anderes meinen unsere Großmütter wenn sie in der schon halb geschlossenen Tür noch ein "Pass auf dich auf" in den Flur rufen. Deswegen möchte ich an dieser Stelle jeden hier dazu aufrufen, sich einmal selbst für etwas zu loben, das ein Anderer - vielleicht auch noch das eigene Ich vor zehn Minuten - verachtet hätte. Deswegen sprecht mir nach: "Das machst du toll." 

Das machst du toll, wie du ständig vergisst dir etwas zu Mittag zur Arbeit mitzunehmen und dich deswegen den ganzen Tag von Twixx und Keinohrhasen ernährst. Zucker ist wichtig für die Konzentration. Und wenn du heute das Zuckerpensum einer ganzen Woche verdrückst, hast du endlich mal wieder Zeit dafür Gemüse zu kaufen, es nach Hause zu tragen, zu waschen, zu schneiden, zu blanchieren und zu essen. Oder wie du gestern Fastfood bestellt hast und dir noch zwei Euro für den Mindestbestellwert fehlten, und du dich für das Kindermenü mit Spielzeug entschieden hast. Diese kleine Nilpferdfigur wertet deinen Schlüsselbund optisch schon ganz stark auf. Das machst du toll. 

Und wie du zu wenig Bargeld mit zum einkaufen genommen hast, dir genau 60 Cent fehlten, es dir aber erst an der Kasse auffiel und du aus lauter Verzweiflung ausgerechnet das Klopapier dagelassen hast, anstatt der Teelichter und dem Schild auf dem "Kein Kuchen ist auch keine Lösung" steht, und du den Ernst der Lage erst begreifst, wenn der Besuch durch zwei Türen durch das Rufen anfängt. Das sind die Momente, die du noch deinen Enkeln erzählen wirst. Die Momente, in denen es so was von traumhaft nicht perfekt ist und in denen man seine Bekannten mal ganz ungekünstelt und spontan auf Humor durchcheckt und vielleicht echte Freundschaften entstehen. Das machst du toll. 

Wie du mal wieder kreativ sein und das Projekt Malerei endlich mal angehen wolltest, jetzt wo du die Zeit noch dazu hast. Aber dir dann aufgefallen bist, dass du ja gar nicht aussiehst wie ein Künstler. Bob Ross, der sieht aus wie ein Künstler. Die weiten Hemden und diese Haare. Ohne Locken kann man gar kein Künstler werden. Und dann du mit deinen platten Spagetti auf der Birne. Und wie dir dann eingefallen ist, dass deine Mutter auch erst leichte Wellen bekommen hat, als sie mit dir schwanger war. Aber wenn du erst mal Kinder hast musst du mit der Künstlerkarriere auch nicht mehr anfangen. Dann bist du mit Milch und Kacke beschäftigt. Klar, du könntest dir alternativ auch die Hormone spritzen lassen, als wenn du schwanger werden wollen würdest. Aber das würde die Krankenkasse niemals mitmachen. Die zahlen ja nicht mal mehr deine Zahnreinigung seit du volljährig bist. Überhaupt glaubst du ja, dass die Krankenkassen sich mit den Eltern abgesprochen haben und dieses ganze "aber nur bis 18" Gerede nur daher kommt, um euch Kindern ein Gefühl von Ernsthaftigkeit zu vermitteln. Auch übrigens ganz toll, wie du gedanklich abschweifen kannst. 

Du hattest dir ja auch irgendwann mal ganz toll vorgenommen am Schreibtisch zu sitzen, etwas Weltbewegendes in die Tasten zu tippen und dabei regelmäßig wie Carrie Bradshaw gedankenversunken aus dem Fenster zu schauen. Das mit dem Rausschauen klappt auch schon ganz gut. Auch toll, wie dir stattdessen der Gedanke kam, dass es erschreckend wenige Positionen gibt, in denen man seinen Kopf gemütlich hält, gleichzeitig nachdenklich statt gelangweilt wirkt, und sich nicht aus Versehen komplette Hautpartien in eine andere Gesichtshälfte schiebt. 

Das tollste an dir ist, wie du immer an das Gute in Menschen glaubst. Das ist nicht naiv. Lass dir das bloß nicht einreden. Das ist der Funken Hoffnung, den die Welt jetzt braucht nach Trump und Chemnitz und den ganzen Tornados. Natürlich hast du geglaubt, dass du einer der 10 letzten Gewinnspielteilnehmer mit der Chance auf einen neuen Audi im Wert von 400.000 € bist. Und dass du nicht skeptisch warst, als der nette puertorikanisch klingende Mann am Telefon nach deiner Iban gefragt hat. Und schau doch mal, so ein Fernsehzeitungsabo, das hat doch auch sein Gutes. Jetzt weißt du immer ganz genau wann die Sendungen laufen, die du schon seit Jahren regelmäßig zur selben Zeit geschaut hast. Ne, das hast du echt toll gemacht. 

Sprecht mir einfach nach. "Das hast du toll gemacht." 
Gern geschehen. 

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