Ein Ort der Stille für dich und mich




Ein tieftöniges Gemurmel drang durch das Zugabteil. "Ich schwöre, dieses Mädchen hatte so eine nervtötend hohe Stimme. Mir sind fast die Hoden abgefallen vor Schmerz“, schmatzte ein Typ zwischen seinem Kaugummi hervor. „Tinder, Alter. Nie wieder." Langsam rollte der überfüllte Zug in den Bahnhof ein. "Nein", ätzte ein Startupper aus München im maßgeschneiderten Anzug in sein Smartphone. „Scheiß auf die Abschlussnote. Geh nach Gesicht, Martin, glaub mir." Ich saß in einem Vierer am Fenster und schaute ins triste Grau von irgendeinem Dienstag. Auf dem gegenüberliegenden Sitz machte sich ein Rentner in Cordsakko breit und knisterte nervös mit den Händen an einer Einkaufstüte aus Plastik, während er auf die nackten Knie eines Mädchens starrte, die durch ihre zerrissenen Jeans lugten. Meine Motivation, mich zu ihm zu setzen, damit er mir beim Lesen in einem Buch zusehen kann, um mich toll zu finden, weil ich heutzutage noch Bücher lese, belohnte er mit einem dezenten Duft nach Urin.

Einige Minuten später wagte ich mich mit einer Einkaufsliste bewaffnet in die Welt des Konsums. Dass ich noch Tampons brauchte, hatte ich zuvor auf die Rückseite eines Knöllchens vom Ordnungsamt wegen Falschparkens gekritzelt, extra krakelig und hässlich. Das war meine stille Rebellion gegen den Zeugen Herrn Müller, der nichts besseres zu tun hatte, als paffend im Feinripp-Unterhemd vom Balkon aus den Parkstreifen vor seiner Zwei-Zimmer-Wohnung zu bewachen. Von Schadenfreude erfüllt legte ich eine einzelne Banane in meinen Korb und strich das Wort auf meiner Liste genüsslich durch, mit ganz viel Druck auf dem Ikea-Bleistift. "Was essen wir denn am Wochenende?", drang eine Frauenstimme langsam in meine Richtung. Ich sah hinterm Regal hervor. Eine Frau mit Korb und Liste hechtete durch den Mittelgang, ihren auf den Boden guckenden Mann im Schlepptau. "Ist egal", war seine Antwort. "Worauf hast du denn mal Hunger?", versuchte sie es ein zweites Mal. "Och, mir egal", sagte der Mann und trottete ihr schlurfend hinterher. "Hähnchenbrust?", fragte sie. "Nee", maulte er. "Was denn dann?" "Mir egal." Die Stimmen entfernten sich. Ich lief die Abteilungen ab und packte nach und nach meinen Einkauf ein. Auf dem Weg zur Kasse fand ich das Pärchen wieder. Der Mann hatte sich in der Süßigkeitenabteilung verloren und hob wie ein kleiner Junge freudestrahlend eine Gummibärchentüte in die Luft. "Können wir die mitnehmen?"

Pärchenabend beim Chinesen. Am Stammtisch nebenan wird grölend ein Handyfilmchen weitergereicht. Darin schnattert aufgeregt eine hohe Stimme drauflos, bis ein Zischen ertönt und es klingt, als würde die Luft aus einer Matratze zischen. Die „Frau zum Aufblasen“. Begeistert trommelt die Runde ihre Fäuste auf den Tisch. "Möchten die Herren noch haben Pflaumenschnaps?", fragt die Bedienung im engen Floralkleid aus Seide und stellt einen Teller dampfender Handtücher auf den Tisch. Mit rotem Kopf grinst die Menge nach oben. "Weil du es bist, Goldstück!", poltert der Dickste und grabscht in die Handtücher. "Sie dann wollen zahlen, werter Herr?", fragt sie und zückt das Portemonnaie. Die Männer grölen. "Ne, wir drehen noch ne Runde", brüllen die Kerle und stürmen zum sechsten Mal das Buffet für 9,50 Euro. Ich stehe in Zeitlupe von meinem Stuhl auf und sage matt: ,,Ich geh mal eben für kleine Mädchen." "Ich komm mit!" sagt die andere Frau und springt auf. Mein Begleiter grinst selbstgefällig bis zu den Ohren. "Dass ihr Frauen immer zu zweit aufs Klo geht. Was kann da schon interessantes sein?", grunzt er seinem Gegenüber ins Gesicht.

Schulter an Schulter gehen wir auf die Tür zu. Andächtig drücke ich die Klinke nach unten. Ein warmes, helles Sonnenlicht strahlt uns entgegen. Vogelgezwitscher ertönt. Eine sanfte Meeresbrise weht durch unser Haar. Es duftet nach Lavendel und Rosenöl. Zwischen den Waschbecken hängen rosafarbene Lampions in einem wild gewachsenen Olivenbaum. Friedlich sitzt die chinesische Bedienung im Schneidersitz und faltet Origami-Schwäne aus feuchten Handtüchern. In einer Badewanne voller Gummibärchen räkelt sich die Frau aus dem Supermarkt. Das Mädchen aus dem Zug schneidet munter Löcher in die Arschtaschen ihrer Jeans und lächelt beseelt. In einer Kabine liegt zerknittert und deformiert die Frau zum Aufblasen, während das Tindermädchen schwitzend auf einen Blasebalg hüpft und im schönsten Sopran die Anstrengung von sich stöhnt. Frauen ziehen sich die Lippen nach, massieren sich gegenseitig die Schläfen und flechten einander Zöpfe. Abschlusszeugnisse zieren die Wände. Aus den Wasserhähnen läuft flüssiger Honig. Mit geschlossenen Augen atme ich genussvoll den Duft ein, während mir eine elegante Langhaarkatze um die Beine streicht, mir ein Feinripphemd und ein Feuerzeug reicht und verführerisch säuselt: „Willkommen zurück“.


Kommentare

Anonym hat gesagt…
Überragend!
Sehr amüsant, kreativ und spannend!
Danke!