Wenn Frauen Haare lassen - über das Haareschneiden als Stilmittel von Film & Fernsehen


Lange Haare geben Sicherheit. Man kann sich hinter ihnen verstecken, mit ihnen spielen, sie lieblos hängen lassen oder sie hochstecken. Seit Jahrhunderten von Jahren symbolisieren lange Haare Weiblichkeit und sind Ausdrucksmittel zeitgenössischer Mode. Sie spiegeln wieder, wie ihre Trägerin sich sieht oder wie sie von ihrem Umfeld wahrgenommen werden möchte. Haare sind eine Kunstform. Bereits in mittelalterlichen Gemälden ließ sich anhand der Frisur einer porträtierten Person ihr sozialer Stand ablesen. Und auch in der medialen Welt von heute spielen Haare eine wichtige Rolle, manchmal sogar die Hauptrolle. "Hair-Artists" aus dem Filmgeschäft beeinflussen, wie wir die Figuren sehen, die jeden Abend über unsere Fernseher und Leinwände wandeln. Und nicht nur einmal haben sie es geschafft, dass eine Welle von Frauen mit den Bildern von Jennifer Aniston oder Blake Lively in der Hand zum Friseur rannte. Doch was bedeutet es dann im Umkehrschluss, wenn diese langen Haare zu Boden fallen? Oft ist mir schon aufgefallen, dass Szenen, in denen Frauen Haare lassen gar nicht mal so selten sind, dafür aber ungemein wirkungsvoll. Sie besitzen eine gewisse Intensität und bedeuten meist mehr als eine bloße optische Veränderung. Häufig symbolisiert das Haareschneiden eine Veränderung, einen Einschnitt im Leben der Figur - so unterschiedlich die Beweggründe dazu auch sein mögen.

Sich selbst die Haare schneiden als Ausdruck von Trauer - "Bright Star" von Jane Campion


Es sind die letzten drei Jahre seines Lebens, die der Film "Bright Star" auf die Leinwand bringt. Der junge und empfindsame Dichter John Keats verbringt den Sommer des Jahres 1818 in einer Doppelhaushälfte auf dem Land - Wand an Wand mit der stolzen Schneiderin Fanny. Unter den besorgten Augen ihrer Mutter und der Aufsicht von Keats Mentor verlieben sich die beiden. Aus einem anfänglichen Unterricht in Poesie wird eine Beziehung, die von niemandem sonst geduldet wird. Eines Tages gerät John in ein Gewitter und kommt durchnässt und beinahe erfroren zurück. Seine Gesundheit verschlechtert sich stetig, er hustet Blut und ist seitdem ans Bett gefesselt. Die warme Luft Roms soll ihm wieder aufhelfen und so wird für seine Reise geplant. Da sein Zustand so ausweglos ist, willigt Fannys Vater am Vorabend seiner Abreise in die Hochzeit ein, wenn Keats wider Erwarten zurückkehren sollte. Doch beide wissen, dass es nicht mehr dazu kommen wird. 


Als Fanny von seinem Tod erfährt, weint sie bitterlich und bis zur Atemlosigkeit. Es sind nur wenige Sekunden, in denen wir sehen, wie sie ihre Haare abschneidet. Mit einem starren Blick in den Spiegel hält sie die Schere in der Hand. Entschlossen schneidet sie durch ihr langes Haar. Es fällt demonstrativ zu ihren Füßen. Ganz in schwarz gekleidet, ihre kurzen Haare unter einem Hut, wandelt sie durch das verschneite Moor und rezitiert mit tränenerstickter Stimme "Bright Star" - Keats Gedicht über seine Liebe zu Fanny. 


Nach den vier Trauerphasen des Theologen Yorick Spiegel befindet sich Fanny in dieser Szene in der sogenannten Regression. Oft ist der Trauernde allein, befindet sich zwischen seiner eigenen Welt und der des Verstorbenen, eben so wie Fanny ziellos durchs Moor streift. Es scheint fast, als hätte sie sich die Haare abgeschnitten, um sich so auf diesen Gang vorzubereiten. Das alte Leben durch die Schere abgetrennt, ist sie nun nichts als die Hinterbliebene von Keats, spricht fortan seine Worte und ist optisch verändert, weil sie seelisch verändert ist. Sich selbst etwas zu nehmen, um eine Veränderung an sich zu zeigen, ist eine urchristliche Reaktion auf Trauer. Im alten Testament der Bibel reißt sich Hiob seine Kleidung vom Körper und bestreut sich mit Staub. Sich die Haare selbst zu schneiden ist hier eine Form der Bewältigung. Nachdem sie zuerst der Hilflosigkeit ausgeliefert war, ist das eigene Schneiden der Haare hingegen ein Symbol der Kontrolle und Selbstbestimmung. Gleichzeitig drückt sie so ein letztes Mal ihre Zuneigung zu Keats aus, indem sie ihm zollt, dass sein Tod sie berührt und verändert hat, so wie er sie bereits lebendig berührt und verändert hat.


Der ungewollte Kurzhaarschnitt als Symbol von Machtverlust - "Game of Thrones" & "Germany's next Topmodel"



Obwohl es auf den ersten Blick riskant erscheinen mag, eine hochwertig produzierte und international erfolgreiche Drama-Serie wie "Game of Thrones" mit einem Format zu vergleichen, in dem streitsüchtige Mädchen das Laufen lernen, haben diese Beispiele eine große Gemeinsamkeit. Beide Ausschnitte beweisen auf ganz unterschiedliche Art, dass der Griff zur Schere im Normalfall ein bewusster ist. Zum Friseur zu gehen und sich einer optischen Veränderung zu unterziehen ist eine Entscheidung, welche die wenigsten Frauen aus Leichtsinn treffen. Der Gedanke, ob und wie man sich mit seinen langen Haaren identifiziert, ist innerlich geklärt, bevor der Friseur die Schere ansetzt. Der Figur Cersei Lannister aus "Game of Thrones" wurde zu diesem Gedanken keine Zeit gelassen. Als ehemalige Königin repräsentiert ihr gepflegtes Äußeres den Wohlstand des Hauses. Sieht ein einfacher Bürger diese geschmückte und schöne Frau auf den dreckigen Straßen der Hauptstadt, dann wohl eher zum Zweck der Einschüchterung und Machtdemonstration, als um diesem unbedeutenden Untertan zu gefallen. Hinzu kommt noch, dass Cersei ihre langen blonden Haare beinahe in jeder Folge offen trägt und dadurch ihre Kleidung verdeckt. Ahmt das Volkstheater sie nach, so benötigt die Schauspielerin lediglich eine blonde Perücke, um als Cersei Lannister erkannt zu werden. Die langen Haare sind ihr Attribut.

Als sie von den Spatzen, einer religiösen Verbindung, gewaltsam festgehalten wird, bittet sie um Freiheit. Der "Gang der Schande" ist die ihr einzig gebotene Möglichkeit. Um Gott und dem Volk zu zeigen, dass sie ihre Sünden bereut, soll sie nackt durch die gewalttätige Menge von Bürgern bis zu den Toren ihres Palastes gehen. Die Kleider wurden ihr von Nonnen entrissen, als würden sie ein Tier häuten, die Haare gewaltvoll mit einem Messer abgetrennt. Cersei starrt traumatisiert und teilnahmslos ins Leere und lässt die Tortur über sich ergehen. Eine strenge Nonne steht über ihrem gekrümmten Körper und bewacht das Vorgehen. Die Entmachtung der ehemaligen Königin ist eindeutig.



Überträgt man eine solche Bändigung des Willens auf die heutige Zeit, erscheint das Drama um einen Kurzhaarschnitt auf den ersten Blick lächerlich. Die häufig noch minderjährigen Mädchen werden gerne belächelt, wenn beim Umstyling von "Germany's next Topmodel" die Tränen fließen. So wie auch in diesem Ausschnitt sind der Grund für die Gefühlsausbrüche letztendlich nur wenige Zentimeter, die vom geliebten Haar abkommen. Für die Juroren der Sendung ist dies das wesentliche Argument, warum jegliches Rebellieren gegen den Friseurbesuch unnötig ist. Die Mädchen seien überdramatisch und inszenierten sich für die Kamera.

Der eigentliche Grund, warum eine Teilnehmerin der Castingshow Respekt vor diesem Tag hat, ist die Machtlosigkeit darüber, was mit ihr geschieht. Alle Spiegel sind verhängt, niemand verliert ein Wort über die geplante Veränderung. Und obwohl nach mittlerweile mehr als einem Jahrzehnt mit diesem Sendeformat eindeutig ist, dass ein Umstyling auf jeden zukommen wird, hat es nach wie vor nicht an Wirkung verloren. Die Botschaft von Heidi Klum und ihrem Team ist in jedem Fall die gleiche: Haare ab oder Koffer packen. Wer sich nicht dem Willen von Heidi beugt oder gar zu viele Fragen stellt, muss entweder direkt die Sendung verlassen oder wird für seine Aufmüpfigkeit am nächsten Entscheidungstag bestraft. Es ist ein erster Test, wer bereit ist, sich dem Format unterzuordnen und im weiteren Verlauf keine Probleme zu bereiten. Und wie das Wort "Entscheidungstag" schon verrät, trifft - selbst wenn jemand an dieser Stelle die Sendung verlässt - Heidi Klum mit einem einfachen Besuch beim Friseur weitaus mehr als nur die Entscheidung über ein paar Haare, sondern ganze Köpfe.


Befreiung von Altlasten und falscher Feminismus - Der klassische Bob in "Downton Abbey" & "Joy"


Eben noch ihrer Selbstbestimmung entrissen, strotzen die Frauen dieser Szenen nur so davon. Als Lady Mary Crawley, erste Tochter des Earl eines großen englischen Anwesens, Anfang der 1920er Jahre mit einem neumodischen Bob nach Hause kommt, hatte sie gerade eine dunkle Zeit hinter sich gebracht. Nach dem Rückschlag, dass sie als Frau niemals das Familienanwesen erben würde, und der schwierigen Zeit des ersten Weltkrieges, starb zudem noch ihr Ehemann bei einem banalen Autounfall, kurz nachdem er den gemeinsamen Sohn zum ersten Mal in den Händen halten durfte. Die sonst so herrische und schlagfertige Mary reißt es aus dem Leben. Eine Ewigkeit in schwarz, den eigenen Sohn nicht auf den Arm nehmen wollend, sitzt sie leblos bei Tisch und scheint ihre Zeit abzusitzen.

Bis sie erkennt, dass sie als Vormund ihres Sohnes, dem neuen Erben, seine Rolle einnehmen kann. Sie nimmt an Diskussionen teil, liest sich in Finanzen, und leitet das Anwesen. Schon bald ist sie mehr als nur eine vorlaute Adelige, nämlich eine Adelige mit einer sinnvollen Aufgabe. Als sie ihrer Familie den zeittypischen Bob stolz präsentiert, wirkt sie wie ausgewechselt. Die Trauer und Teilnahmslosigkeit abgeschnitten nimmt sie ihr Leben fortan selbst in die Hand. Wie Nic Collins, Hair Designerin der Serie "Downton Abbey" im Interview erwähnt, trugen bereits die Hälfte aller Frauen des Vereinigten Königreichs zu dieser Zeit einen Bob. Lange Haare störten die Frauen bei der körperlichen Arbeit in Lazaretten, Kasernen und Fabriken, die sie während des Kriegs anstelle der Männer übernahmen. Kurze Haare wurden zum Zeichen sozialer Unabhängigkeit von Frauen und verliehen ihrer Trägerin, wie im Falle von Lady Mary, Stärke und Selbstbewusstsein. Modischen Ursprung hatte er jedoch schon im alten Ägypten und ist angelehnt an seine wohl berühmteste Trägerin: Kleopatra.


Obwohl Lady Mary und Joy Mangano aus dem gleichnamigen Film "Joy" in Sachen Selbstbestimmung einiges gemeinsam haben, hat der klassische Bob in diesem Spielfilm eine andere Wirkung. Joy greift selbst zur Schere, und das aus Wut. Als junge Mutter, von ihrem faulen Ehemann enttäuscht, ist sie die einzige Stütze ihrer verkorksten und hilfebedürftigen Familie aus Trinkern und Gescheiterten. Aus dem Nichts baut sie ein eigenes Unternehmen auf und vertreibt ihre revolutionäre Erfindung - den sich selbst auswringenden Wischmopp. Schnell merkt sie, dass nicht jeder Geschäftspartner auch ein ehrlicher ist. Um Unmengen an Geld betrogen findet Joy sich in ihrem Badezimmer vorm Spiegel wieder und trennt sich von ihrer weiblichen, blonden Mähne.

Was dann folgt ist die Inszenierung einer Femme fatale, wie sie im Buche steht. Die kurzen Haare wild verstrubbelt, in enger Hose und schwarzer Lederjacke und einer männlichen Pilotenbrille, streift sie siegessicher zum vereinbarten Treffpunkt und lässt ihren Betrüger auflaufen. Wie ein Geschäftsmann lehnt sie breitbeinig im Stuhl des verlassenen Hotelzimmers und schüchtert ihr Gegenüber ein. Sie spricht ruhig und bedrohlich, lehnt sich gelassen zurück und siegt. Aber es sind die Waffen eines Mannes, mit denen sie diesen Kampf gewonnen hat, und die ihr als Frau zugute kommen. Die kurzen Haare haben in Verbindung mit Joy's verführerischem Auftreten hier eine sexuelle Wirkung. Den erotischen Traum des Mannes erfüllt, tut sie, was eine Femme fatale der Mythologie nach tut: sie manipuliert seinen Verstand und nutzt diesen Moment zu ihrem Vorteil. Alles Geld zurückerobert verlässt sie das Hotel und begibt sich zurück auf die Straße, in der es wie Konfetti applaudierend anfängt zu schneien.



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