Rammstein und der Holocaust - Was darf Kunst?



Galgen, Judensterne und lichterlohe Feuer – mit ihrem neuen Musikvideo „Deutschland“ zieht die Band Rammstein alle bildlichen Register an Schrecken, die unsere deutsche Geschichte zu bieten hat. Die Streifen sind längs, der Bart eindeutig und die Liedzeilen von Rammstein sind es eigentlich auch. Man fühlt sich geteilt und man fühlt sich geeint. Man fühlt sich beschämt und alles andere als stolz. Dies sei kein Land, dem man sein Herz schenken kann. Die Liste der Verbrechen ist bereits zu lang.

Und doch sind wir irgendwie ein Teil davon, wollen nicht entscheiden müssen zwischen Omas Schoß und dem Hass auf ihre Generation. Das Video rechnet mit deutschen Vergehen ab und komprimiert in schrecklich guten neuneinhalb Minuten, was man alles schon falsch machen konnte und wie zwiegespalten man sich darum fühlt. Wie viel Arbeit so ein Film tatsächlich bedeutet, verschweigt er uns berechtigterweise. Denn gerade weil schon wieder Politiker und Verbandsvorsitzende entsetzt in die Tasten hauen, merkt man doch, dass dieses Video mehr ist als nur PR. Es ist Kunst.


In meinem Kunststudium habe ich selbst einen Unterschied lernen müssen, der meinen Blick auf Kreativität grundlegend verändert hat. Es ist der Unterschied zwischen Kunst und Deko. Wenn sich eine langbeinige Sängerin, die ihre Texte von der geldgierigen Produktionsfirma per Mail geschickt bekommen hat, im Lederkorsett auf einer Harley räkelt und ihren Mund gerade so wenig zum Lip-Sincing öffnet, dass ihr Gesicht keine Falte wirft, dann ist das Deko.

Wenn ein Mensch mit Ansichten und Überzeugung seinen Gefühlen durch Kreativität Ausdruck verleiht, um auf Umstände aufmerksam zu machen und Reaktionen zu provozieren, dann ist das Kunst. Kunst muss provozieren, muss weh tun, muss persönlich werden. Kunst darf gerne zu nah treten und zum Denken und Diskutieren bringen. Sie will auch, dass sie für schlecht befunden wird. Aber sie will besprochen und gesehen werden. Unzensiert. Ob es ein Bild ist, dass sich selbst zerschreddert, weil es nicht gekauft werden wollte, ein Felix Lobrecht, der sich traut auf der Bühne das Wort Kanake in den Mund zu nehmen, oder Rammstein und ein Musikvideo, das hochwertiger produziert ist, als alle Krankenhaus-Vorabendserien im deutschen Fernsehen zusammen.

Künstlerische Freiheit hat einen negativen Beigeschmack bekommen, seit die Gesellschaft von politischer Korrektheit befallen ist. Die Angst, jemandem auf die Füße zu treten, das Gender-Sternchen falsch zu setzen, im Unterricht auch mal eine Frage zu stellen, in Talkshows nicht jede dahergekommene Autobiografie literarisch wertvoll zu finden, hat uns unfähig gemacht zu diskutieren. Eine andere Meinung zu vertreten ist noch lange kein Streit, sondern ein Diskurs.

Dass nicht jeder Rammsteins „Deutschland“ so verstehen wird, wie die Band es tut, ist leider klar. Aber wenn sich jeder Deutsche einig darüber wäre, wie unsere vergangene und aktuelle Politik zu beurteilen ist, dann wäre dieses provokative Video auch nicht nötig gewesen. Einer Gruppe von Künstlern vorzuwerfen, sie würden nur Aufmerksamkeit für nationalsozialistische Optik haben wollen, ist genau so Zeitverschwendung, wie einem Politiker vorzuwerfen, er wolle doch nur selbstsüchtig an die Macht und gar nicht unser Bestes. Ein Fünkchen Wahrheit ist in jedem dieser Gedanken, aber erst Kunst bringt den Diskurs voran oder gar zustande. Steht keine Auseinandersetzung, kein Aufruf zum eigenen Denken hinter einer Zeile oder einem Bild, sondern bloß platte Propaganda, dann ist es auch keine Kunst. Und ändert nichts daran: Kunst darf alles.

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