Was man von Rentnern beim Sport noch lernen kann



Ich glaube ich bin nicht gut im jung sein. Meiner Meinung nach existiert eine gesellschaftliche Erwartungshalten an junge Menschen, wie man richtig jung zu sein hat. Nicht nur Rentner haben ihre Klischees zu bestätigen. Jung zu sein ist auch harte Arbeit, kann ich versichern. Das ganze feiern gehen, sich von Soja ernähren und Widerworte geben kann auch mal ganz schnell auf die Psyche schlagen. Ich glaube insgeheim sehnt sich die Jugend auch nach ein bisschen Rentnerdasein. Nach Wocheneinkauf an einem Mittwoch Vormittag. Nach Hosen, die tatsächlich ihren Zweck versprechen und die Beine warm halten, weil sie keine tennisballgroßen Löcher an den Knien haben. Nach Greifzangen, mit denen man die Fernbedienung vom Fußboden aufheben oder sich die Socken hochziehen kann. Und nach Nordic Walking. Ich habe nie ein glücklicheres Gesicht gesehen, als das eines nordisch walkenden Großvaters an der frischen Luft mit Hütehund und Enkeln im Schlepptau auf dem Cover einer Apothekenzeitschrift. Ich würde beim Sport treiben auch gerne mal so zufrieden wirken, aber leider darf ich das nicht. Ich bin jung. Und junge Leute gehen nun mal ins Fitnessstudio. Und ich speziell zum ersten Mal.

Im Eingangsbereich war mein Selbstbewusstsein noch im Optimum. Ich hatte mir extra für diesen Tag eine Sportleggins besorgt und mir im Fernsehen abgeguckt, wie man sich sein Handtuch lässig über die Schulter wirft. Ich war vorbereitet und machte einen sportlichen Eindruck. Mein Körper verbrannte den Nachtisch noch so, wie es sich für mein Alter gehörte. Zwar würde ich nicht mit extremer Leistung glänzen, aber zumindest nicht unter der Masse an schwitzenden Studenten auffallen, dachte ich. Bis ich den Tresen erreichte und mich durch eine Traube von weißhaarigen Rentnern kämpfen musste. Man sprach von den Enkeln und der nächsten Kegelfahrt, und ich wartete nur darauf, dass gleich Kaffee und Kuchen serviert würde. Hier war etwas faul.

Ein wichtiger Punkt wird gerne vergessen, wenn gesagt wird, man möchte im Fitnessstudio nur gesehen werden: Man möchte genau so gerne gehört werden. Als ich stolzen Schrittes den Geräteraum betrat, dachte ich anhand der Geräuschkulisse, hier werde gerade ein Kind geboren. Dass letztendlich ein älterer hagerer Herr diese Geräusche von sich gab, beunruhigte mich nicht weniger. Bis ich sah, dass er das doppelte von meinem Körpergewicht stemmte und ich mir vorstellte, er würde an jedem Arm eine Ausgabe von mir in die Waagerechte hieven. Seine Frau schob die selben Kilos mit Leichtigkeit durch die Beinpresse und unterhielt sich nebenbei noch mit der Nachbarin. Und an meine Seite gesellte sich eine unscheinbare Dame, lächelte mir aufmunternd zu und begann plötzlich unter rhythmischem Ächzen ihren Bizeps zu pumpen. Ich fühlte mich so hilflos wie an dem Tag, an dem mein Mixer den Geist aufgab und ich eine halbe Stunde lang die Sahne mit der Hand schlagen musste. Und ich merkte: Ich habe noch viel zu lernen.

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