Warum das Thema Rezo jetzt schon nervt

Ein einziges Video löst eine bundespolitische Debatte aus. Ein junger Mensch in Hoodie und Kappe erweckt die Politik aus ihrem Dornröschenschlaf. YouTuber werden öffentlich als Künstler anerkannt. Eigentlich drei Gründe, warum wir so genannten “Digital Natives” seit einer Woche im Freudenrausch sein könnten. Der YouTuber Rezo hat es mit seinem Video “Die Zerstörung der CDU” geschafft, zu zeigen, dass soziale Plattformen mehr können als Frisuren-Tutorials und Meckern über das schlechte Ende von Game of Thrones.

Seine Kritik an der Politik wird in Klassenzimmern besprochen. Nachrichtensprecher versuchen vergeblich, so mühelos wie möglich das R von Rezo zu rollen. Eltern nicken beim Tagesschau gucken anerkennend mit dem Wurstbrot in der Hand. Nicht, weil seine knallblauen Haare sich so wunderbar in das Farbschema der Tagesschau einfügen, als hätte er geahnt, dass er eines Tages viral gehen würde. Sondern, weil er auf extreme Art beweist, dass sich unsere Generation sehr wohl mit Politik beschäftigt. Nur eben nicht ganz so, wie die CDU sich das gedacht hatte.



Meine Euphorie hält sich dennoch in Grenzen. Es ist das gleiche Phänomen, wie wenn man als Teenie Milky Chance gut fand, bis Stolen Dance so oft im Radio gespielt wurde, dass es die eigene Mutter beim Autofahren mitgesungen hat. Die selben Menschen, wegen denen Politikverdrossenheit existiert, die man mit Freude gehasst hat, weil ohne sie keine einzige heute-Show Folge zustande kommen würde, pflichten Rezo nun bei. YouTube explodiert vor Antwort-Videos. Jeder Affe bezieht Stellung, möchte auch mal ein Video drehen.

Selbst Christian Lindner hatte schon überlegt ein Video zu machen, auch wenn ihn nun wirklich niemand darum gebeten hat. Anstatt die üblichen Formen zu nutzen, in denen Politiker ihre Standpunkte verbreiten können, kramen sie die alten Camcorder raus. Was ist also mehr angekommen, frage ich mich: der Inhalt des Videos, oder das Format Video an sich?


Wenn es um Annegret Kramp-Karrenbauer geht, ist die CDU jetzt erst mal beleidigt. Dabei hat sie nun die volle Aufmerksamkeit. Endlich kennt jeder Jugendliche die Top-Themen von Wahlkampf und Partei. Und das nicht einmal durch Eigenleistung. Leichter bekommt man Publicity nicht. Selbst wenn die Partei auch ein Video mit Philipp Amthor, dem Benjamin Button der CDU, in der Hinterhand hat. Vor Reportern zu sagen, man hätte ein Video gedreht, aber zeigt es nicht, das hinterlässt auf einen YouTuber, der sein Brot mit dem Hochladen von Videos verdient, nun wirklich Eindruck.


Die Politik wollte die Digitalisierung, und jetzt gefällt sie ihr plötzlich nicht mehr. Es ist wie mit dem Hype um Instagram, bis man plötzlich gemerkt hat, dass man schon länger nicht mehr draußen war, der eigene Körper ein Scheiß ist gegen den von Sophia Thiel, und die eigenen Freunde einen vergessen haben, weil man keine Mädelsabend-Story hochgeladen hat. Seit Wochen tippeln sich unsere Schüler jeden Freitag die Füße wund, die arme Greta Thunberg war gefühlt seit Monaten nicht mehr Zuhause. Rezo redet sich 55 Minuten lang den Mund fusselig. Und die einzige Reaktion ist „Wir nehmen euch sehr ernst“. Solange, bis wir irgendwann selbst in die Politik gehen. Und das könnt ihr doch nicht wirklich wollen.


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